Visuelles Framing. Indikatoren für die Analyse audiovisueller Massenmedien

Constanze Jecker

1. Einleitung und Problemstellung

Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich mit Framing ein theoretischer Ansatz in der Medien- und Kommunikationswissenschaft (MuKW) etabliert, der nicht nur häufig, sondern auch methodisch heterogen aufgegriffen wird (vgl. z. B. Scheufele, D. A./Tewksbury 2007). Framing beruht auf der Idee des Soziologen Goffman (2004), dass Menschen Ereignisse organisieren, indem sie ihnen Rahmen (frames) geben, d. h. tradierte Deutungs- und Handlungsmuster zur Einordnung der Ereignisse heranziehen. In Anlehnung daran werden Frames in der MuKW überwiegend als „Interpretationsmuster verstanden, mit denen sich Informationen sinnvoll einordnen und effizient verarbeiten lassen“ (Scheufele 2004). Folglich können Frames in Medieninhalten als Deutungsmuster verstanden werden, die die Berichterstattung strukturieren (Scheufele 2003).

Ausgangspunkt des Vortrags ist das gemäss Matthes (2007) häufig verwendete und operationalisierbare Konzept von Robert M. Entman, der vier Elemente postuliert, aus denen sich ein Frame zusammensetzt: Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, moralische Bewertung sowie Handlungsempfehlung (Entman 1993; 2010). In seinem Konzept betont Entman (1991) zudem die Bedeutung visueller Informationen als ein Bestandteil von Deutungsmustern, wie es im Übrigen auch andere Framing-Forscher tun (Gitlin 1980; Gamson/Modigliani 1989; Pan/Kosicki 1993). Bei Analysen wird deshalb angestrebt, neben textuellen bzw. auditiven ebenso visuelle Frames zu berücksichtigen (de Vreese 2005). Dieses Anliegen lässt sich mit der Bedeutsamkeit von Bildern in Massenmedien erklären, die im Vergleich zu Texten mehr Aufmerksamkeit erzeugen und insbesondere den Beiträgen in Nachrichtensendungen Authentizität verleihen (z. B. Brosius 1998; Ziegelmaier 2009).

Vor diesem Hintergrund haben sich zwar einzelne Autoren mit visuellen Frames beschäftigt (vgl. z. B. Scheufele 1999, 2001; Rössler 2001; Coleman 2010; Parry 2010), doch steht eine vertiefte theoretische und empirische Auseinandersetzung mit (audio-)visuellen Frames erst am Anfang (Leonarz 2006). Vor allem bezüglich der Medieninhaltsforschung wird ein Mangel an fundierten Analysen visueller Frames konstatiert, wobei die quantitativen Studien als oberflächlich und die hermeneutischen als kaum aussagekräftig kritisiert werden (Scheufele 2004; Ziegelmaier 2009). Da bislang keine Studie vorliegt, die sich auf das Framing-Konzept von Entman stützt sowie auditive und visuelle Frames in Relation zueinander setzt (s. Abschnitt 2), soll im Vortrag ein neues Untersuchungsinstrument für audiovisuelle Medieninhalte präsentiert werden, das die oben beschriebene Forschungslücke füllen könnte. Dazu werden verschiedene Methoden zur Analyse von Inhalten audiovisueller Massenmedien zusammengeführt und adaptiert (s. Abschnitt 3).

2. Inhaltsanalysen (audio-)visueller Massenmedien

Obwohl unbestritten ist, dass bei Inhaltsanalysen (audio-)visueller Massenmedien eine Konzentration auf die Sprache unzureichend ist (Holtz-Bacha/Koch 2008), erfasst die deutschsprachige MuKW-Forschung Film- und Fernsehinhalte primär anhand textlicher Aussagen (Rössler 2005; Keppler 2006). Die Vernachlässigung der visuellen Ebene lässt sich mit der semantischen Polysemie visueller Darstellungen erklären, die für Inhaltsanalysen ein grosses Problem darstellt (vgl. z. B. Köhler 2008; Bohnsack 2009). Um die Vieldeutigkeit von Bildern zu entschlüsseln, greifen Autoren unterschiedlicher Disziplinen (vgl. z. B. Sachs-Hombach 2009; Maasen et al. 2006) bspw. auf die von Panofsky (1984) entwickelte Methode der Ikonographie zurück. Diese genügt den in der MuKW entwickelten inhaltsanalytischen Standards jedoch nicht, so dass eine Modifizierung notwendig erscheint (Grittmann/Ammann 2009; Ammann et al. 2010).

Andere Vorschläge zur Analyse von Bildern in audiovisuellen Massenmedien konzentrieren sich auf Bildmotive (zu Schlüsselbilder vgl. Ludes 1998b; 1998a; 2001; zu Standardnachrichtenbildern vgl. Brosius und Birk 1994). Ein weiterer Aspekt ist die Bild-Text-Relation, die in verschiedenen Disziplinen thematisiert wird (vgl. z. B. Korte 2005 für Kommunikationswissenschaft; Bohnsack 2009 für Sozial- und Erziehungswissenschaften; Burger 2005 für Sprachwissenschaft); allerdings konnte sich in den Sozialwissenschaften bislang kein Analyseansatz etablieren.

Vor diesem Hintergrund klammern Studien, die sich auf das Framing-Konzept von Entman stützen und massenmediale Inhalte quantitativ untersuchen, visuelle Elemente in der Regel aus (vgl. z. B. Harden 2002; Matthes 2007). Gleichwohl wird vorgeschlagen, bei der Analyse von Frames textuelle und visuelle Informationen in Relation zueinander zu setzen (Scheufele 1999). Doch dieser Vorschlag wurde empirisch bislang kaum umgesetzt, wie folgende zwei Beispiele exemplarisch veranschaulichen: (1) Ziegelmaier (2009) analysiert neben Pressebildern ausschliesslich die entsprechenden Bildlegenden, nicht aber die dazugehörigen Artikel. (2) Leonarz (2006) erfasst bezüglich der Text-Bild-Relation, ob die visuelle die textuelle Ebene (nicht) unterstützt und ob bestimmte Bildinhalte stellvertretend für einen (textuellen) Frame stehen.

Die letztgenannte Vorgehensweise entspricht dem Anliegen, die Text-Bild-Relation zu berücksichtigen und Frames auf der visuellen und auditiven Ebene gleichrangig zu behandeln. Da die Studie von Leonarz nicht mit dem in der MuKW etablierten Framing-Konzept gemäss Entman arbeitet (s. Abschnitt 1), ist auf der Basis ihres Vorgehens ein neues Untersuchungsinstrument für die Analyse fernsehpublizistischer Beiträge entwickelt worden, das dieses Konzept implementiert. Dazu wurden Ansätze verschiedener Disziplinen nutzbar gemacht, die im Folgenden skizziert werden.

3. Analyse audiovisueller Medien-Frames: Interdisziplinäre Implikationen

Da die Sprache die Bedeutung von (massenmedialen) Bildern festlegt (Schierl 2001), ist die Sprache bzw. der Text – wie in der MuKW üblich (s. Abschnitt 2) – die Basis eine Analyse bzw. für die geplante explorative Fallstudie. In der Präsentation wird von diesem Grundsatz ausgegangen, d. h. mit dem neu entwickelten Untersuchungsinstrument sollen in einem ersten Schritt Text und Bild der massenmedialen Inhalte fixiert werden, um dem Untersuchungsmaterial seine Flüchtigkeit zu nehmen. Dazu wurde das in der Filmwissenschaft etablierte Einstellungsprotokoll (vgl. z. B. Korte 2005; Borstnar et al. 2009) mit Blick auf die Analyse audiovisueller Frames modifiziert.

Zur Auswertung des schriftlich fixierten Untersuchungsmaterials wurde ein in der qualitativen Forschung übliches Kategorienraster entwickelt (Nawratil/Schönhagen 2009), das verschiedene Ansätze kombiniert: Auf der formalen Ebene können so auffällige Visualisierungstypen erfasst werden, die bestimmte Aspekte des Bildes hervorheben (salience), wie etwa die Froschperspektive als Kameraeinstellung (vgl. z. B. Mikos 2003; Hickethier 2007). Auf der inhaltlichen Ebene interessieren zum einen zwei Arten von Bildtypen: Motivische Bildtypen zeigen identische Motive, während thematische Bildtypen die gleiche inhaltliche Aussage beinhalten (Grittmann/Ammann 2009; Ammann/Krämer et al. 2010). Zum anderen werden auf der inhaltlichen Ebene Reihenfolge-Effekte der Sequenzen identifiziert, die Kausalattribuierungen (vgl. Frame-Element Verantwortungszuschreibung) und somit einen Teil einer Deutung nahe legen können (Scheufele 1999, 2001). Des Weiteren wird beim neu entwickelten Analyseinstrument die Relation zwischen auditiver und visueller Ebene berücksichtigt. Hierzu wurde eine von Renner (2001, 2007) entwickelte Systematik herangezogen und weiter differenziert.

Bei diesem mehrstufigen Verfahren, das für die Analyse von Fernsehbeiträgen entwickelt wurde und das in der Präsentation differenziert vorgestellt wird, werden die Elemente der Medien-Frames also zunächst getrennt auf der auditiven und visuellen Ebene erfasst und anschliessend miteinander in Beziehung gesetzt (vgl. dazu auch Abb. 1: s. pdf-Dokument, in dem auch das Literaturverzeichnis zu finden ist).