Darstellung der Schule und ihrer Akteure in der aktuellen Bildberichterstattung von Deutschschweizer Zeitungen

Thomas Hermann,  Norbert Grube,  Ursula Schwarb

Welches Bild von Schule und Bildung wird in der Presse gezeigt? Lässt es sich in Verbindung bringen mit gesellschaftlichen Vorstellungen und bildungspolitischen bzw. erziehungswissenschaftlichen Debatten? Werden über das Bild je nach Kontext der Berichterstattung eigene Bild- und Bedeutungsfelder konstruiert?

Ausgehend von der Annahme, dass gesellschaftliche Vorstellungen und Erwartungen in medial verbreiteten Bildern verdinglicht werden (Berger/Luckmann 2005: 78–80; Lippmann 1990: 17, 25), wurden im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2008 insgesamt 920 Pressebilder und Illustrationen aus elf Deutschschweizer Tages- und sechs Sonntagszeitungen erfasst und untersucht. Es handelt sich dabei um Bilder, die im Kontext von Artikeln zu Schul- und Bildungsthemen erschienen und/oder deren Bildlegende explizit einen im Bild sichtbaren, schulischen Akteur erwähnt. Die Bilder aus dem Herbst 2008 wurden zeithistorisch mit Pressebildern aus ähnlichen Zeiträumen der Jahre 1968 und 1988 verglichen, um Entwicklungen auf inhaltlicher und formaler Ebene aufzeigen zu können. Dabei leitete die Vorstellung, das «1968» auch bildungshistorisch eine Zäsur darstellen könnte (Baader 2008), deren Folgen allerdings erst verspätet, etwa 1988, sichtbar werden.

Als Untersuchungsmethode diente die seriell-ikonografische Fotoanalyse (Pilarczyk/Mietzner 2005). Sie eignet sich für die Analyse einer grossen Anzahl von Bildern und verbindet quantitative (serielle) Analyseschritte mit der qualitativen ikonografisch-ikonologischen Einzelbildanalyse nach Panofsky (1932/2006). In einem ersten Schritt werden die Bilder «seriell» nach bildinternen und -externen Kriterien klassifiziert. Dann folgt die Qualifizierung des Bildmaterials. Sie ermöglicht einerseits grundlegende quantitative Aussagen, etwa zur Vielfalt bestimmter Bildtypen und -gattungen, gezeigter Handlungen, Akteure oder Räume sowie zu Motivkombinationen. Andererseits ist sie Voraussetzung für die Gewinnung von prototypischen Bildern, die den Bildbestand repräsentieren. Diese prototypischen Bilder werden der ikonografisch-ikonologischen Einzelbildanalyse nach Panofsky (1932/2006) unterzogen, in welcher der dem einzelnen Bild übergeordnete Bedeutungszusammenhang erschlossen wird. Die abschliessende Validierung der Ergebnisse der Einzelbildanalyse am Gesamtkorpus ist ein zentrales Element der seriell-ikonografischen Fotoanalyse.

Das Forschungsprojekt bewegt sich im Schnittbereich von medien-, kommunikations-, bild- und erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen, Vorgehensweisen und Prämissen. Aus Sicht der Medien- und Kommunikationswissenschaft interessieren die Funktionen von Pressebildern (Knieper 2006), Bild-Text-Relationen sowie Strategien der Aufmerksam¬keitslenkung, Emotionalisierung oder Personalisierung. Zudem wird davon ausgegangen, dass Medien und auch ihre Bilder, indem sie eigene Wirklichkeitsentwürfe schaffen und bestehende (stereotyp) reproduzieren, massgeblich an der (gesellschaftlichen) Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt sind (Schulz 1989; Scheufele 2001). Basierend auf den bildwissenschaftlichen Prämissen des Sinn erzeugenden Überschusses von Bildern (Boehm 2007: 15), der Dualität von materiellen und immateriellen Bildaspekten, die sowohl «Vorstellung» oder «Denkbilder» wie «Produkt» (Belting 2001: 7; Müller 2003: 20) beinhaltet, wird aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive analysiert, welche Bilder von Schule in einer Zeit steigender Erwartungen gegenüber Schulen und kontroverser Debatten über Erfolg und Niedergang der Bildung im Zuge gesellschaftlichen Veränderungen dominieren.

Konkret wurde das Projekt von den folgenden Haupt- und Unterfragestellungen geleitet:

Hauptfragestellungen: 1. Welche Akteure, Handlungen, Bauten, Räume und Gegenstände werden auf den jeweiligen Bildern von Schule gezeigt? 2. Welche Einzelmotive und Motivkombinationen im Zusammenspiel von Akteuren, Handlungen, Räumen und Gegenständen sind erkennbar? Welche dominanten Themen ergeben sich daraus und avancieren zu gesellschaftlichen Leitbildern von Schule? 3. Welche Rückschlüsse können von den ermittelten, vorherrschenden Bildthemen auf Vorstellungen von bzw. Erwartungen an Schule getroffen werden und mit welchen gesellschaftlichen Veränderungen und schulischen Reformvorhaben lassen sie sich in Verbindungen bringen? Unterfragestellungen: 4. Anhand des im Erhebungszeitraum dominanten bildungspolitischen Berichterstat¬tungsthemas (HarmoS-Debatte, Freie Schulwahl) wird gefragt, ob wiederkehrende Bildthemen auftreten und zu Typen avancieren? 5. In Anknüpfung an die Forschung von Pilarzcyk/Mietzner (2005): Wie werden Lehrper¬sonen im Pressebild dargestellt und wie interagieren sie mit Schüler/innen? 6. Übergreifende Frage: Zeitvergleich: Welche Veränderungen bezüglich der Bildwelt Schule zeigen sich im Zeitverlauf von 40 Jahren? Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Medien?

Der Tagungsbeitrag wird zuerst einen Einblick in das untersuchte Bildmaterial und das genaue methodische Vorgehen gewähren. Anschliessend wird auf die Analyse der Bildberichterstattung zu zwei bildungspolitischen Themen fokussiert (Frage 4), die im Untersuchungszeitraum auf gesamtschweizerischer Ebene kontrovers diskutiert wurden und entsprechend in Presseberichten illustriert wurden:

(a) Das nationale Projekt «HarmoS» steuert eine Harmonisierung des schweizerischen Schulsystems und die Einführung nationaler Bildungsstandards an. Dagegen wurde in vielen Kantonen das Referendum ergriffen.

(b) In verschiedenen Kantonen lancierten Elternvereinigungen eine «Initiative für eine freie Schulwahl». Sie fordern das Recht der Eltern ein, ihre Kinder unabhängig vom Wohnort in eine Schule ihrer Wahl zu schicken.

Anhand dieser Beispiele wird gefragt und diskutiert: Welche Entwürfe von und Aussagen zu Schule werden «im Bild» gemacht? Bringen die beiden Themen unterschiedliche «Bildwelten» hervor: Dominieren Bilder «aus» oder «zur» Schule – zeigen Bilder also Szenen des erfolgreichen Unterrichts, der Defizite oder des Scheiterns. Oder sind die Bilder Visualisierungen von Debatten, Expertisen und Akteuren, die sich zur Schule äussern? Wie werden die zentralen Akteure des Unterrichts, Lehrpersonen und Schüler/innen, dargestellt? Welche Vorstellungen von Kindheit sind an diese Bilder geknüpft? Wirkt sich die Politisierung der Themen auf Texte und Bilder über Schule aus, etwa in Form einer Text-Bild-Schere zwischen alarmierenden Berichten und (stereotypen) Bildern mit Szenen des Gelingens schulischen Unterrichts?


Literatur Baader, Meike Sophia (Hrsg.). Seid realistisch, verlangt das Unmögliche. Wie 68 die Pädagogik bewegte. Weinheim: Juventa, 2008. Belting, Hans. Bild-Anthropologie. München: Fink, 2001. Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a.M.: Fischer, 2004. Boehm, Gottfried. Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, 2007. Grittman, Elke. Das politische Bild. Köln. Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2007. Knieper, Thomas. «Zur Geschichtsvermittlung durch Ikonen der Pressefotografie.» In: Kirschenmann, Johannes; Wagner, Ernst (Hrsg.). Bilder, die die Welt bedeuten. «Ikonen» des Bildgedächtnisses und ihre Vermittlung über Datenbanken. München: kopaed, 2006. 59–76. Lippmann, Walter. Die öffentliche Meinung. Bochum: Brockmeyer, 1990[1922]. Müller, Marion G. Grundlagen der visuellen Kommunikation. Theorieansätze und Methoden. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2003. Pilarczyk, Ulrike und Ulrike Mietzner. Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Bad Heilbronn: Julius Klinkhardt, 2005. Scheufele, Bertram. Visuelles Framing und Framing-Effekte. Zur Analyse visueller Kommunikation aus der Framing-Perspektive. In: Knieper, Thomas; Müller, Marion G. (Hrgs). Kommunikation visuell. Das Bild als Forschungsgegenstand – Grundlagen und Perspektiven. Köln. Herbert von Halem Verlag. 2001. 144-158. Schulz, Winfried. Massenmedien und Realität. Die «ptolemäische» und die «kopernikanische» Auffassung. In: Kaase, Max; Schulz, Winfried (Hrgs.). Massenkommunikation. Theorien. Methoden. Befunde. Westdeutscher Verlag. 1989. 125-149.