Böse Bilder – brave Bilder. Zwei Tendenzen in der Bildkommunikation europäischer Parteien

Roger Blum,  Marlis Prinzing

Der Call for Papers spricht es an: „Werbung/ PR operieren mehr denn je mit bildbasierten Kommunikationsstrategien – deutlich sichtbar im Feld der politischen Kommunikation (Wahlwerbung, Imagemanagement von Politikern und Parteien)…“. Hier setzen wir an. Wir möchten jene Methoden der politischen Kommunikation unter die Lupe nehmen, die sich der Bildsprache bedienen. Dabei fokussieren wir Wahlkämpfe und Abstimmungskämpfe. Unsere Studie ist bei jenen Tagungsbeiträgen einzuordnen, die gemäss Call for Papers „eine aktuelle Bestandesaufnahme der bereits vollzogenen resp. der voraussehbaren weiteren Visualisierung der Massen- und Individualkommunikation in unserer Gesellschaft (Produktion, Produkt, Distribution, Rezeption)“ vornehmen.

Theoretisch stützen wir uns einerseits auf die politische Ikonographie, wie sie Martin Warnke entwickelt und Marion Müller ausdifferenziert haben. Dabei sind wir uns bewusst, dass es „die“ Theorie der politischen Ikonographie nicht gibt. Andrerseits folgen wir der in der politischen Kommunikationsforschung diskutierten Amerikanisierungshypothese. Unter „Amerikanisierung“ versteht man zunächst die Modernisierung vor allem in Wahlkämpfen. Zu dieser Modernisierung gehört die Professionalisierung und Medialisierung, aber auch das „negative campaigning“, die Verunglimpfung des politischen Gegners. Dieses „negative campaigning“ bedient sich stets auch der Bilder – in Werbespots, auf Websites, in Flugblättern, in Presse-Anzeigen und auf Plakaten. Gemeinhin gilt die Annahme: Je „amerikanisierter“ Wahl- und Abstimmungskämpfe, desto aggressiver ist die angewendete Bildsprache. In den USA betreiben alle politischen Lager „negative campaigning“, alle verunglimpfen die Spitzenkandidaten der Gegenseite mit Hilfe von Bildern.

Wir stellen folgende These auf: Die politische Bildkommunikation in Europa unterscheidet sich von der in den USA, sie ist nur teilweise „amerikanisiert“, In Europa lassen sich zwei Tendenzen unterscheiden: Rechts- und linksextreme Gruppen verunglimpfen ihre politischen Gegner und pflegen Feindbilder, sie stigmatisieren und diskriminieren. Die gemässigten Parteien hingegen greifen diese Strategie nicht auf, sondern preisen die eigenen Kandidaten und die eigenen Positionen an. Belege für diese These liefert unsere vergleichende Analyse: Wir vergleichen die Bildkommunikation extremer oder populistischer Parteien in ausgewählten Ländern wie Schweizerische Volkspartei (SVP) und Schweizer Demokraten in der Schweiz; Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), „Pro NRW“ und Die Linke in Deutschland; Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) in Österreich; Front National (FN) in Frankreich; Vlaams Belang in Belgien mit der Bildkommunikation der Christlichdemokraten, Sozialdemokraten oder Liberaldemokraten in den entsprechenden Ländern.

Diese These untersuchen wir empirisch, indem wir Wahl- und Abstimmungsplakate sowie politische Anzeigen einer kritischen Betrachtung unterziehen sowie ergänzende Interviews mit für die Plakatentwicklung im Rahmen der jeweiligen Kampagnen zuständigen Experten. Dabei ist auch die Frage zu überprüfen, ob es sich bei der Bildsprache der extremen und populistischen Parteien a) wirklich um eine „Amerikanisierung“ handelt, oder ob b) die Gruppierungen eher an die europäische Tradition der Nationalsozialisten, Faschisten und Kommunisten anknüpfen, oder ob c) die Bildsprache eher einer Art Logik der Aufmerksamkeit folgt und dazu auch auf Skurriles zurückgreift.

Eine erste Durchsicht des Materials zeigt, dass sich die Wahl- und Abstimmungskommunikation nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa zunehmend einer gemässigten Bildsprache bediente, dass aber durch das Aufkommen populistischer und nationalkonservativer Parteien die Aggressivität und das Diskriminierungspotenzial wieder zunahmen. Diese schwappte aber nicht auf gemässigte Parteien über. Zudem gibt es Unterschiede unter den extremen und populistischen Parteien. Unser Ziel ist es vor allem herauszufinden, gegen wen sich die Aggressivität richtet, welcher Feindbilder sich die Parteien bedienen, wie sie sie bildlich darstellen und an wen sie anknüpfen. Dem stellen wir die Bildsprache der gemässigten Parteien gegenüber.
Literatur

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http://www.bpb.de/methodik/UFA4P2,0,0,Wahlplakate_2002.html (28.11.20)