Die scheinbare Authentizität von Bildern: Bildmaterial und dessen Wanderung durch verschiedene virtuelle Räume

Sabina Misoch

Der Beitrag setzt sich mit der Verwendung von visuellem Material zur persönlichen Selbstdarstellung (Goffman 2001) auf YouTube auseinander. Um sich auf der Video-Plattform YouTube selbst darzustellen, wird in den meisten Fällen Film-/Bildmaterial verwendet, das den/die Nutzer/in selbst abbildet – sei es als Ganzkörperfoto oder als Fotoausschnitt, der auf bestimmte Körperausschnitte fokussiert (Tattoo, …). Dieses Bildmaterial wird auf den ersten Blick vom Betrachter als authentisch (zu den verschiedenen Bedeutungsebenen des Begriffes siehe u.a. van Leeuwen 2001) interpretiert, zumal „die Idee des Authentischen in der Nutzung von YouTube als relevante Kategorie aufscheint …“ (Näser 2008) und man als Betrachter die Erwartung hat, dass die selbstdarstellerischen Erzeugnisse auf YouTube authentisch sind. Die darstellenden Individuen wissen auch um diese Erwartungserwartung (Luhmann 1984) und kommen dieser produktionstechnisch nach durch die bewusst inszenierte Authentizität in ihren Erzeugnissen.

Es hat sich jedoch gezeigt, dass nicht alles Bildmaterial, das sich präsentationstechnisch, inhaltlich und ästhetisch als authentisch gibt, auch wirklich authentisch im Sinne als „verbürgt“ zum darstellenden Individuum gehörend ist (es werden hierfür ausschließlich Videos zur Analyse herangezogen, die Fotomaterial enthalten). So gibt es Bildmaterial, das von verschiedenen Individuen in ihren Beiträgen jeweils als (angeblich) authentisch-persönliches Material präsentiert wird. Betrachtet man dieses Phänomen, so stellt sich die Frage, ob es sich um thematisch und ästhetisch spezielle Bilder handelt, die solchen „Bild-Wanderungen“ unterliegen. Dem nachzugehen ist Ziel des Beitrages: Es soll aufgezeigt werden, welche Bedingungen Fotomaterial erfüllt bzw. erfüllen muss, das von Nutzern zur Inszenierung der persönlichen Selbstdarstellung auf YouTube verwendet wird, obwohl es sich nicht um persönliches und damit authentisches Material handelt.

Bei YouTube handelt es sich um ein Videoportal das den Nutzer/innen das Ansehen von Videos sowie das Hochladen eigener Film-/Bilderzeugnisse ermöglicht. Neben diesen Funktionen gibt es die Möglichkeit, die auf YouTube verfügbaren Videos (öffentlich) zu bewerten und zu kommentieren. Es handelt sich somit um ein Internetangebot, das dem Web 2.0 zuzurechnen ist (z.B. Cheng et al. 2008). Die vorliegende Fragestellung ergibt sich dadurch, dass nicht alle Inhalte von den Nutzer/innen selbst erstellt wurden und daher diese Inhalte nicht alle wirklich user-generated sind (z.B. Kruitbosch/Nack 2008; Burgess/Green 2009). Die Angebote des Web 2.0 werden besonders intensiv von Jugendlichen genutzt (Schmidt et al. 2009), die die Chance der aktiven Partizipation u.a. durch das Schreiben von Blogs oder durch das Erstellen und Hochladen von Videos nutzen (JIM 2010; Madden 2007).

Im Zentrum des Beitrages stehen von Jugendlichen produzierte Videos, die selbstdarstellerische Funktion erfüllen. Dieser Fokus liegt erstens darin begründet, dass Bildkommunikation für diese Altersklasse von zentraler Bedeutung ist, da „Bilder und Bilderfahrungen […] heute zentraler Bestandteil der Wahrnehmung, der Wirklichkeitserfahrung und des kommunikativen Austauschs von […] Jugendlichen“ darstellen (Marotzki/Niesyto 2006: 7). Zweitens erfüllt die aktive Erstellung und Publikation von Videos kommunikative Funktionen (Richard 2010) – und Kommunikation erweist sich gerade für Jugendliche als besonders relevant, da sich in dieser Lebensphase entscheidende Schritte der Identitätsarbeit vollziehen (Erikson 2000) und die erarbeitete Identität im Austausch mit anderen verhandelt werden muss. Hierfür können virtuelle Räume idealerweise genutzt werden (z.B. Misoch 2007). Schließlich ist drittens festzustellen, dass die 14 - 19jährigen intensive Nutzer von Videoplattformen darstellen (ca. 70% nutzen Videoportale, davon ca. 8% durch das hochladen von Inhalten; JIM 2010). Mit der Konzentration der Untersuchung auf Bildmaterial von Jugendlichen wird diejenige Gruppe berücksichtigt, die am häufigsten eigene Medienerzeugnisse mittels Videoplattformen wie z.B. YouTube publizieren.

Das anhand von Suchbegriffen vorgenommene Sampling umfasst YouTube Videos, die der persönlichen Selbstdarstellung Jugendlicher dienen und die Bildmaterial enthalten (Collage). Dieses Bildmaterial wird anhand einer speziellen Bildersoftware einer quantitativen Häufigkeitsanalyse unterzogen, so dass durch diese Analyse erkennbar wird, ob das präsentierte Bildmaterial online auch in anderen Kontexten verwendet wurde. Am Schluss des Vortrages steht die Bildanalyse (Müller-Doohm 1997; Sowa/Uhlig 2006; Holzbrecher/Tell 2006) jenes Materials, das sich zwar präsentationstechnisch als authentisch ausgibt, bei dem sich aber anhand der quantitativen Analyse zeigte, dass es von mehreren Individuen für die jeweils persönliche Selbstdarstellung eingesetzt wird.
Literatur:

Burgess, J./Green, J. (2009): The Entrepreneurial Vlogger: Participatory Culture Beyond the Professional-Amateur Divide; in: Snickars, P./Vonderau, P. (Hg.): The YouTube Reader, Stockholm, S. 89 – 107

Cheng, X./Dale, C./Liu, J. (2008): Statistics and Social Network of YouTube Videos. Verfügbar unter: http://www.cs.sfu.ca/~jcliu/Papers/YouTube-IWQoS2008.pdf (01.03.2010)

Erikson, E. H. (2000): Identität und Lebenszyklus, 18. Aufl. Frankfurt a. M.

Goffman, E. (2001): Wir alle spielen Theater. Selbstdarstellung im Alltag, 9. Aufl. München

Holzbrecher, A./Tell, S. (2006): Jugendfotos verstehen; in: Marotzki, W./Niesyto, H. (Hg.) Bildinterpretation und Bildverstehen: Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden, S. 107-119

Kruitbosch, G./Nack, F. (2008): Broadcast yourself on YouTube – Really? Verfügbar unter: http://staff.science.uva.nl/~nack/papers/hcc02s-kruitbosch.pdf (01.03.2011)

Leeuwen, T. van (2001): What is authenticity?; in: Disclosure studies, 3, S. 392 - 397

Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M.

Madden, M. (2007): Online Video; in: Pew Internet & American Life Project. Verfügbar unter: http://www.pewinternet.org/~/media//Files/Reports/2007/PIP_Online_Video_2007.pdf.pdf (23.02.2010)

Misoch, S. (2007): Die eigene Homepage als Medium adoleszenter Identitäts¬arbeit; in: Mikos, L./Hoffmann, D./Winter, R. (Hg.): Me¬dien¬nutzung – Identität – Identifikationen, Weinheim/München, S. 163 – 182

Müller-Doohm, S. (1997): Bildinterpretation als struktural hermeneutische Symbolanalyse; in: Hitzler, R./Honer, A. (Hg.): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, Opladen, S. 81 - 108

Mpfs. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg., 2010): JIM-Studie 2010. Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-jähriger. Verfügbar unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf10/JIM2010.pdf (23.02.2010)

Näser, T. (2008): Authentizität 2.0 – Kulturanthropologische Überlegungen zur Suche nach ‚Echtheit’ im Videoportal YouTube; in: kommunikation@gesellschaft, Jg. 9, Beitrag 2. Online- Publikation. Verfügbar unter: http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B2_2008_Naeser.pdf (01.03.2010)

Schmidt, J./Hasebrink, U./Paus-Hasebrink, I. (Hg., 2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0 - Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Berlin (Schriftenreihe Medienforschung der LfM, Band 62)

Sowa, H./Uhlig, B. (2006): Bildhandlungen und ihr Sinn; in: Marotzki, W./Niesyto, H. (Hg.) Bildinterpretation und Bildverstehen: Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden, S. 77 - 106