Funktionen des Bildes im Netz. „Bild-Interaktionen“ und Imagekommunikation am Beispiel von youtube

Axel Schmidt

Bilder kehren in allen bisherigen Formen und Funktionen im Kontext des Netzes wieder. In semiotischer Hinsicht vermag das Universalmedium ‚Computer‘ nicht nur stehende Bilder, Bewegtbilder, Klangbildverläufe, Graphiken und viele andere, im Rahmen vorgängiger Medien gebräuchliche Bild-Formen zu zeigen, sondern sie mit allen erdenklichen anderen symbolischen Formen und Genres (Schrift, Inserts, gesprochene Sprache, Musik, Zeichnungen, Malerei, Fernsehausschnitte etc.) zu kombinieren und darüber hinaus auch einzelmediale Gattungen selbst wiederum zu verbildlichen. Das ist etwa dann der Fall, wenn Zeitungen, Comics, Videoclips oder Fernsehen erkennbar (auch) in ihrer Form und Funktion als distinkte Einzelmedien dargestellt werden. In sozialkommunikativer Hinsicht vervielfältigen und ‚verschieben‘ sich im Rahmen der sogenannten Interaktionsmedien (Internet) zudem Herstellungs- und Gebrauchsweisen von Bildern, da die für massenmediale Kommunikation typische Einseitigkeit und Asymmetrie aufgebrochen wird, so dass es jedem Teilnehmenden offen steht, zu ‚produzieren’ und zu rezipieren, zu ‚senden‘ und zu ‚empfangen‘. Das Resultat ist nun aber nicht einfach eine Auflösung massenmedialer Kommunikationsspezifa (etwa die der Einseitigkeit; vgl. hierzu grundlegend Krotz 2007 sowie Thompson 1995) und -genres (etwa Formen parasozialer Interaktion (vgl. hierzu grundlegend Horton/ Wohl 1956 sowie Hippel 1992)) oder das Verschwinden der Funktionen massenmedialer Kommunikation (etwa die der Publizität). Vielmehr entstehen in Abhängigkeit von Angebots- bzw. Gebrauchskontexten sowie konkreten Gebrauchspraktiken je spezifische Gemengelagen, welche als Kombinationen bzw. Hybridisierungen ‚alter‘ und ‚neuer‘ Darstellungs- und Kommunikationsformen rekonstruiert werden können und erst vor diesem Hintergrund ihren spezifischen Sinn erhalten.

Den Versuch einer solchen Rekonstruktion möchte ich in meinem Vortrag in exemplarischer Weise unternehmen. Exemplarisch in vierfacher Hinsicht: Erstens wird ein bestimmtes Netzangebot, nämlich das Videoportal ‚youtube‘, beleuchtet. Hiermit zusammenhängen spezifische (kommunikationsstrukturelle) Engführungen die mit den Besonderheiten des ausgewählten Angebots zusammenhängen, deren Wesentlichste darin bestehen, dass ‚Youtube‘ als sogenanntes Web 2.0-Angebot eine Vielzahl kommunikativer Handlungen ermöglicht, unter anderem das Uploaden und (schriftliche wie seinerseits filmbildliche) Kommentieren von Klangbildverläufen (im Folgenden als ‚Clips‘ bezeichnet). Diese Aktivitäten sind durch die Struktur und das Motto des Angebots (‚broadcast yourself‘) als subjektgebunden bzw. als individuelle Entäußerungen gerahmt. Zweitens soll im Rahmen dieses Kommunikationsangebots eine spezifische Kommunikationsform fokussiert werden, nämlich direkte Ansprachen und Adressierungen und zwar drittens mit Blick auf einen spezifischen ‚Strang‘ aus dem dort stattfindenden Kommunikationsprozess, nämlich jenem, der mit ‚Clips‘ bestritten wird (und nicht etwa mit schriftlichen Kommentierungen). Viertens wird dies mit Blick auf einen Einzelfall getan, also anhand eines – durch den Forschenden ausgewählten und damit (mit-)konstruierten – sinnhaft zusammenhängenden Ausschnitt aus dem Gesamtgeschehen.

Gefragt werden soll mit Blick auf den ausgewählten Fall daher insgesamt, ob und inwiefern man es hier mit meinen kommunikativen Geschehen bzw. einem sinnhaft rekonstruierbaren und damit zusammenhängenden ‚Ausschnitt‘ zu tun hat. Hierzu wird das Geschehen zunächst hinsichtlich medialer (Stichwort: Audiovision), kommunikationsstruktureller (Stichwort massenmediale Kommunikation versus Interaktionsmedien) und soziokommunikativer (Stichwort: parasoziale Interaktion und Imagekommunikation) Spezifika bestimmt, um dann – in einem zweiten Schritt – auf die Frage eingehen zu können, inwiefern man es hier mit ‚Bild-Interaktionen‘ zu tun hat.

Methodologischer Hintergrund ist eine verstehend bzw. interpretativ verfahrende Sozial- und Kulturwissenschaft (Wilson (1973) prägte hier für den Begriff des ‚interpretativen Paradigmas‘), welche sich seit den 1960er Jahren als sogenannte ‚Qualitative (Sozial-)Forschung‘ zu etablieren beginnt. Entsprechend einer ‚qualitativen‘ Methodologie bewegen sich Interpretation und Argumentation im theoretischen Rahmen eines erfahrungswissenschaftlichen, rekonstruktionslogischen Zugangs, innerhalb dessen davon ausgegangen wird, dass soziale Wirklichkeit sich in und durch Prozesse der Sinnsetzung und -deutung (re-)produziert und diese Prozesse (Konstruktionen ersten Grades) durch sinnverstehenden Nachvollzug der Forschenden (Konstruktionen zweiten Grades) zu rekonstruieren sind, was – folgt man Soeffner (1989) – immer nur in und durch Einzelfallanalysen möglich ist.

Demzufolge ist der Vortrag bemüht, einzelfallanalytisch einer singulären Gestalt (Fallstruktur) rekonstruktionslogisch nachzugehen, was letztlich dazu zwingt, die sequenzielle Aufschichtung von Sinn (Konstitutionslogik) in und durch kommunikative Akte nachzuzeichnen. Methodische Grundlage hierfür sind im Allgemeinen sequenzanalytische Interpretationsverfahren sowie im vorliegenden Fall insbesondere konversations- bzw. gesprächsanalytische Zugänge (vgl. überblicksartig: Bergmann 1991 sowie für die Gesprächsanalyse: Deppermann 1999). Die Adäquatheit des methodischen Zugangs – welcher natürlich insofern in Frage steht, als dass er an Face-to-Face- bzw. interpersonalen Kommunikationen entwickelt wurde – ergibt sich im Allgemeinen daraus, dass auch Medienkommunikation letztlich als auf kommunikativen Akten basierender Konstitutionsprozess rekonstruierbar ist und im Besonderen daraus, dass im vorliegenden Fall ja gerade interaktionale Prämissen auf bildliche Artefakte übertragen werden sollen. Mit Blick auf den zu untersuchenden Fall stellt dies daher nicht nur eine besondere Herausforderung dar, sondern bedeutet darüber hinaus, die solchen methodischen Verfahren inhärenten methodologischen Prämissen mit kommunikativ anders strukturierten Gegenständen zu konfrontieren. Denn: Die Grundprämisse einer, sich in und durch sequenziell geordnete Sinnsetzungs- und -deutungsprozesse aufschichtenden sozialen Wirklichkeit gilt auch für mediale Kommunikation; die Frage ist dann in welcher (modifizierten?) Weise und – damit einhergehend – ob und inwiefern an flüchtigen Face-to-Face-Kommunikationen entwickelte Methoden entsprechend anzupassen sind.

Die Rekonstruktion des Falls kann aufzeigen, dass und wie massenmediale Strukturen im Rahmen von Interaktionsmedien genutzt werden, sich allerdings unter Ausnutzung und Ausbeutung dieser Strukturen Kommunikationsformen verselbständigen, welche in Form von ‚Bild-Interaktionen‘ vornehmlich image-kommunikativen Zwecken dienen und damit zur Verregelung und sozialen Normierung eines Kommunikationsraums beitragen. Kurz: Am zugrunde liegenden Fall soll gezeigt werden, dass und wie mit ‚sprechenden Bildern‘ interagiert wird und dass und wie Bilder auf diese Weise in einer ganz eigenen Art ‚zum Sprechen‘ gebracht werden.
Literatur

Bergmann, Jörg (1991): Konversationsanalyse. In: Flick, U. (Hg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. München: Beltz (PVU). S. 213-218.

Deppermann, Arnulf (1999): Gespräche analysieren. Opladen: Leske + Budrich.

Hippel, Klemens (1992): Parasoziale Interaktion. In: Montage a/v, 1, 1, S. 135-150.

Horton, Donald/Wohl, Richard R. (1956): Mass Communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance. In: Psychiatry, 19, S. 215-229.

Krotz, Friedrich (2007): Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Soeffner, Hans-Georg (1989): Hermeneutik. Zur Genese einer wissenschaftlichen Einstellung durch die Praxis der Auslegung. In: Ders. (Hg.). Auslegung des Alltags. Alltag der Auslegung. Frankfurt/M: Suhrkamp. S. 98-139.

Thompson, John B. (1995): The media and modernity. a social theory of the media. Cambridge [u.a.]: Polity Press.

Wilson, Thomas P. (1973): Theorie der Interaktion und Modelle soziologischer Erklärung. In: AG Bielefelder Soziologen (Hg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Bd. 1. Reinbek: Rowohlt. S. 54-79.