"Mehr als nur Facebook-Freunde" - Zur Differenzierung und Visualisierung von Freundschaftsbeziehungen auf Social Network Sites

Ulla Patricia Autenrieth

Geht es um die Darstellung von Freundschaft auf Social Network Sites (SNS) wie Facebook, Netlog oder SchülerVZ, wird häufig eine recht kulturpessimistische Perspektive eröffnet: Die Rede ist von „Fremden Freunden“ und dem „zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“ (Blech et al. 2009) sowie einer Neudefinition – im Sinne einer Entwertung – des Verständnisses von Freundschaft (vgl. Althen 2010). Damit wird auf eine scheinbare Veränderung im semantischen Gehalt des Freundschaftsbegriffes verwiesen, einhergehend mit dessen Amerikanisierung bzw. Inflationierung, insbesondere unter den jugendlichen UserInnen. Stein des Anstoßes ist die Bezeichnung ‚Freund‘ , mit der auf Seiten wie Facebook und SchülerVZ jeder reziprok bestätigte Kontakt zwischen zwei UserInnen bezeichnet wird, unabhängig von der tatsächlichen emotionalen Nähe zwischen den jeweiligen ProfilinhaberInnen. Angeführt werden immer wieder Beispiele, in denen einzelne UserInnen mehrere hundert sogenannte ‚Freunde‘ auf ihrem Profil versammeln und die gleichzeitige Unmöglichkeit, diesen allen als ‚wahrer‘ Freund gerecht zu werden. Wie Untersuchungen zeigen, wird der Begriff des ‚Freundes‘ auf Social Network Sites jedoch gerade von jugendlichen UserInnen kritisch betrachtet und keinesfalls mit dem gleichgesetzt, was gemeinhin unter Freundschaft verstanden wird (vgl. Donath/ Boyd 2004, Boyd 2006). Die Plattformen selbst bieten allerdings nur bedingt Möglichkeiten, das eigene Kontaktnetzwerk differenziert darzustellen. Im Rahmen dieses Vortrags wird daher erörtert, welche Strategien vor allem die jugendlichen UserInnen von Social Networks Sites verfolgen, um ein kritisches Beziehungsmanagement, bzw. die Differenzierung und Artikulation von Freundschaftsbeziehungen vornehmen zu können. Grundlage hierfür sind Ergebnisse aus einer empirischen Untersuchung zu Jugendlichen und deren fotografischer Praxis auf Social Network Sites, die im Rahmen des vom Schweizer Nationalfonds finanzierten Projekts „Jugendbilder im Netz“ (Laufzeit 2008 bis 2010, Leitung Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun) entwickelt und durchgeführt wurde. Das Forschungsprojekt widmet sich den Prozessen der Selbstdarstellung und –visualisierung (Selbstpräsentation) sowie den Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 12 bis 24 Jahren auf SNS. Als bedeutendes jugendkulturelles Phänomen unserer Zeit kumulieren diese inzwischen einen Großteil der fokussierten Altersgruppe und sind bedeutender Teil (post-)adoleszenter Vergemeinschaftungsprozesse. Zwar widmeten sich einige Studien (vgl. Boyd 2008, MPFS 2010, Prommer et al. 2009, Schmidt et al. 2009) bereits der Rezeption von SNS durch Jugendliche und junge Erwachsene. Diese bezogen sich jedoch entweder auf die Nutzung der Online-Plattformen im Allgemeinen oder auf die Praxis innerhalb spezifischer Online-Communitys. Inzwischen existieren auch erste Analysen zur Bedeutung der Darstellung von privater Fotografie auf SNS (vgl. Autenrieth 2011 und Astheimer et. al 2011), deren kommunikative Nutzung für die Artikulation und Differenzierung von Freundschaftsbeziehungen wurde bisher jedoch noch kaum diskutiert und soll daher im vorliegenden Beitrag thematisiert werden. Zur Untersuchung der Bedeutungen des fotografischen Handelns Jugendlicher auf SNS wurde im Rahmen des Forschungsprojekts ein multi-methodischer Ansatz gewählt. Hierdurch konnte ein breites empirisches Fundament geschaffen werden. Neben netzethnographischen Analysen wurde mit einem qualitativen Forschungsansatz gearbeitet, der 40 Fokusinterviews, 12 Gruppendiskussionen und eine mehrere Befragungsmodule integrierende Untersuchung von vier online sowie offline interagierenden Jugendcliquen beinhaltete. Darüber hinaus wurde eine quantitative repräsentative Telefonbefragung mit 650 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 und 24 Jahren aus der deutsch-sprachigen Schweiz durchgeführt. Im Vortrag werden verschiedene Strategien aufgezeigt, wie Jugendliche die gegebenen Interaktionsmöglichkeiten auf Social Network Sites flexibel interpretieren, um ‚Facebook-Freunde‘ von ‚wahren Freunden‘ zu unterscheiden und diese Abgrenzung auch gegenüber dem eigenen sozialen Netzwerk kommunizieren - d.h. vor allem visualisieren. Hierfür wird zunächst der Begriff des ‚Freundes‘ auf SNS einer näheren Analyse unterzogen. Es folgt eine kurze Betrachtung der von Anbieterseite zur Verfügung gestellten Möglichkeiten der Abgrenzung sozialer Beziehungen, bevor die einzelnen von UserInnen-Seite etablierten Strategien zur Differenzierung und Artikulation von Freundschaft sowie deren Bedeutung für die Statusaushandlung in jugendlichen Peergroups diskutiert werden. Ziel des Vortrages ist es, die Bedeutung von eigenproduzierter Privatfotografie für (post-)adoleszente Vergemeinschaftungsprozesse auf Social Network Sites darzustellen.


Literatur

Alisch, Lutz-Michael/ Wagner, Jürgen (2006): Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen. Interdisziplinäre Perspektiven und Befunde, Weinheim: Juventa.

Althen, Michael (2010): Nehmen Sie es nicht persönlich! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Oktober 2010, S. 29.

Astheimer, Jörg/ Neumann-Braun, Klaus/ Schmidt, Axel (2011): MyFace: Die Porträtfotografie im Social Web. In: Neumann-Braun, Klaus/ Autenrieth, Ulla (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bilderbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook und Co. Baden-Baden: Nomos, S. 79-122.

Autenrieth, Ulla (2011): MySelf, MyFriends, MyLife, MyWorld. Fotoalben auf Social Network Sites und ihre kommunikativen Funktionen für Jugendliche und junge Erwachsen. In: Neumann-Braun, Klaus/ Autenrieth, Ulla (Hrsg.): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bilderbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook und Co. Baden-Baden: Nomos, S. 123-162.

Blech, Jörg, et al. (2009): Nackt unter Freunden. Der Spiegel , 10/2009, S. 118 ff. Online verfügbar: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-64385862.html.

Boyd, Danah (2008): Taken Out Of Context. American Teen Sociality in Networked Publics. University of California, Berkeley. Online verfügbar: http://www.danah.org/papers/TakenOutOfContext.pdf.

Boyd, Danah (2006): Friends, Friendsters, and MySpace Top 8. Writing Community Into Being on Social Network Sites. In: First Monday 11:12, December. Online verfügbar: http://www.firstmonday.org/issues/issue11_12/boyd/index.html.

Donath, Judith/ Boyd, Danah (2004): Public displays of connection. In: BT Technology Journal, Vol. 22, Nr. 4, S.71-82. Online verfügbar: http://smg.media.mit.edu/papers/Donath/PublicDisplays.pdf.

Ellison, Nicole/ Steinfield, Charles/ Lampe, Cliff (2007): The Benefits of Facebook ''Friends''. Social Capital and College Students’ Use of Online Social Network Sites. In: Journal of Computer-Mediated Communication, 12 , S. 1143–1168. Online verfügbar: http://jcmc.indiana.edu/vol12/issue4/ellison.html.

MPFS (2010): JIM-Studie 2010. Jugend, Information, (Multi-)Media. Stuttgart. Online verfügbar: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf10/JIM2010.pdf.

Nötzoldt-Linden, Ursula (1994): Freundschaft. Zur Thematisierung einer vernachlässigten soziologischen Kategorie, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Prommer, Elisabeth/ Brücks, Arne/ Mehnert, Julia/ Neumann, Heino/ Räder, Andy/ Rossland, Franziska (2009): „Real life extension“ in Web-basierten sozialen Netzwerken. Studie zur Selbstrepräsentation von Studierenden auf studiVZ. Potsdam. Online verfügbar: http://www.hff-potsdam.de/fileadmin/hff/dokumente/aktuelles/Medienwiss_Forschungsbe richt_studivz.pdf.

Rapsch, Alexandra (2004): Soziologie der Freundschaft. Historische und gesellschaftliche Bedeutung von Homer bis heute. Stuttgart: ibidem.

Schmidt, Jan/ Paus-Hasebrink, Ingrid/ Hasebrink, Uwe (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Berlin: Vistas.