Bilderrausch(en) auf Social Network Sites. Eine Netzwerkanalyse der Bildkommunikation am Beispiel des Portals festzeit.ch

Dominic Wirz

Soziologische Netzwerktheorien bilden den Hintergrund, Netzwerkanalysen die Methode und eine Social Network Site (SNS) den Untersuchungsgegenstand der zu präsentierenden Arbeit. Ziel ist es, die auf SNS zu beobachtende Interaktionsdynamik am Beispiel der Bildkommunikation – der Kommunikation mit und im Anschluss an Bild-Uploads – nachzuverfolgen. Kommt es im Kontext der Bilder zu eigentlichen ‹Bildgesprächen› unter Fremden? Neben der Frage, wer mit wem kommuniziert, interessiert zudem die Beschaffenheit populärer Bilder, also solcher Bilder, die aufgrund ihrer Beliebtheit (pic views) in sogenannten «Fotocharts» gelistet werden. Der Fokus der Arbeit liegt auf dem Schweizer Party- und Freundschaftsportal festzeit.ch. Als These steht im Raum, dass auch im Kontext online populär gewordener Bilder letztlich hauptsächlich Freunde interagieren.

•••Zum theoretischen Hintergrund•••

In einem ersten Schritt soll die metaphorische Integrationskraft des Netzbegriffs problematisiert werden – eines Begriffs, der unterschiedliche Vorstellungen eines ‹Netzes› amalgamiert:

Seit seinen Anfängen werden an das Internet, das «Netz der Netze» (z. B. Böhme 2004), eine Reihe von anti-utopischen bis utopischen Verheissungen herangetragen. Neuerdings ist es die Nähe unter Freunden und vielleicht auch Fremden, die angesichts der SNS in der öffentlichen Debatte für Kontroversen sorgt (z. B. Der Spiegel 2009). Aktuelle Forschungsarbeiten weisen indes entschieden darauf hin, dass die auf SNS verhandelten Beziehungen wesentlich durch den Offline-Alltag gestützt sind (vgl. Neumann-Braun/Autenrieth 2011). Interaktionen auf SNS finden im Bekanntenkreis der Offline-Welt statt.

In Bezug auf die Offline-Welt befasst sich ein Teilgebiet der Soziologie bereits seit einigen Jahrzehnten damit, klassischen Beziehungsbeschreibungen (Freundschaft, Verwandtschaft) neue Modelle zur Seite zu stellen. Unter dem Paradigma des Netzwerks werden u.a. gesellschaftliche Dynamiken der «zweiten Moderne» (Beck 1996) zu fassen versucht. Neben den «strong ties», um einen von Mark S. Granovetter bereits 1973 eingeführten Begriff zu bemühen, stehen vermehrt auch «weak ties» im Fokus. Untersucht werden z. B. Qualität, Leistungsfähigkeit, Herkunft, Dichte etc. unzähliger zu ‹Netzwerken› zusammengefasster Beziehungen (vgl. Jansen 2003). Zur Anwendung kommen dabei – mit unterschiedlichem theoretischem Anspruch – verschiedenste Methoden der Netzwerkanalyse: von einfachen statistischen Auszählungen bis hin zu komplexen Blockmodellanalysen (z. B. Stegbauer/Rausch 2009).

Mit dem Untersuchungsgegenstand der SNS geraten nun Versprechungen des Internets, Dynamiken des Web 2.0 und Erkenntnisinteressen der Soziologie unvermittelt aneinander. Zugleich legt das Web 2.0 aber auch Fragestellungen nahe, die bislang kaum je zu untersuchen waren. In diese Richtung orientiert sich die auf der Tagung erstmals vorgestellte Studie, die Bilder und Bildgespräche netzwerktheoretisch als «stories» im Sinne Harrison C. Whites (2008) versteht.

•••Zum Untersuchungsgegenstand•••

In einem zweiten Schritt sollen die Fotocharts auf festzeit.ch als besonderer Ort des ‹Bilderrausch(en)s› vorgestellt werden.

Aufgrund der spezifischen Architektur des Party- und Freundschaftsportals festzeit.ch kommt es in den Fotocharts zu einer Verschränkung von Useraktivitäten und technischen Gegebenheiten, die als aussergewöhnlich zu bezeichnen ist: Charakteristisch für die Portalarchitektur, die keine Privacy-Einstellungen (wie z. B. auf Facebook) implementiert, ist eine vollständig öffentliche Bilderzirkulation (durchschnittlich 3 000 neue Bilder pro Tag). Ebenso ist jedwede im Kontext der einzelnen Bilder geführte Kommunikation (Stichwort: Bildkommentare) öffentlich einsehbar – und damit für Freunde wie auch für Fremde anschlussfähig. Die User sehen sich also mit einem radikalisierten Angebot von Bildern konfrontiert, aus dem sie aktiv auswählen können und müssen. Die Fotocharts fungieren nun für besonders beliebte, sprich: häufig angeschaute Bilder (pic view) als zusätzliches Präsentationsgefäss. Sie stellen eine vonseiten des Portals automatisch – ohne jede Kontrollmöglichkeiten durch die Bildbesitzer – durchgeführte Selektion dar, deren Basis der tagtägliche Bilderstrom und die fortlaufend artikulierten Bildinteressen (pic views) der User sind. Welche Anschlusskommunikationen unter welchen – einander nahen oder fremden – Usern provozieren diese Charts-Bilder?

•••Zur Methode•••

In einem dritten und letzten Schritt soll eine Methode präsentiert werden, wie sich die Bilder und die an der Kommunikation beteiligten Userinnen und User als bipartite Netzwerke dynamisch modellieren lassen.

Die empirische Basis bilden Erhebungen, die an drei Stichtagen (November bis Dezember 2010) in den Fotocharts durchgeführt wurden. In die Untersuchung eingeflossen sind gut 100 Bilder und rund 750 aktive User, die insgesamt knapp 1 000 Bildaktivitäten gezeitigt haben. Die Besonderheit des vorgestellten Analyseverfahrens ist es, die Entwicklung der User-Aktivitäten im Zeitverlauf (im Halbstunden-Takt) abbilden zu können: Es wird so sichtbar, in welchem Verhältnis die einzelnen Bilder zu den aktiven Usern stehen und welcher Systematik folgend sich die Bildgespräche unter den Usern entwickeln. Wo sind u. U. Heavy-User oder Gruppen von Heavy-Usern zu beobachten, die auf allen oder aber nur bestimmten Bildern aktiv sind? Um die Aussagen dieses quantitativen Ansatzes verfeinern zu können, wurde eine Triangulation von quantitativen und qualitativen Verfahren versucht. So wurden die Bilder zusätzlich nach inhaltlichen Kriterien verschlagwortet und die einzelnen Kommunikationsverläufe mitverfolgt. Dergestalt konnten weitere Variablen in die Netzwerkmodelle eingespeist werden, was es nun erlaubt, Antworten auf die eingangs formulierten Fragen zu geben.

Es lässt sich argumentieren, dass die Funktionsweise von Charts eng mit einer spezifischen, kompetitiv orientierten Handlungslogik der Bildherstellung verschränkt ist (Stichwort: der User als Produkt seiner Selbstvermarktung, vgl. Neumann-Braun/Astheimer 2010, darin insbesondere Hobi/Walser zur «Karma-Competition»); Selbstporträts von Userinnen in sexy Model-/Star-Posen gehören zum Erscheinungsbild fest dazu. Zum anderen gelangen neben solchen und weiteren vom Konsummarkt inspirierten Motiven auch verhältnismässig unspektakuläre Aufnahmen in die Charts: z. B. das Gruppenbild vom letzten Fussballturnier. Sofern eine öffentliche Anschlusskommunikation stattfindet – was deutlich häufiger im Falle privater Bilder der Fall ist –, reproduzieren sich i. d. R. die von den jeweiligen Bildbesitzern bzw. den Abgebildeten ausgehenden Freundescliquen (Quervergleich hier: Einbezug der Freundeslisten in die Netzwerkanalysen).

Als vorläufiges Fazit lässt sich festhalten: Bildgespräche finden auch im Sog der Charts-Dynamik hauptsächlich im Freundeskreis statt.
•••Literaturauswahl•••

Beck, Ulrich (1996): Reflexive Modernisierung. Frankfurt a. M. Böhme, Hartmut (2004): Netzwerke. Zur Theorie und Geschichte einer Konstruktion. In: Ders. / Barkhoff, Jürgen / Riou, Jeanne: Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Köln. Granovetter, Mark S. (1973): The Strength of Weak Ties. In: The American Journal of Sociology. Volume 78, Number 6 (May 1973). Jansen, Dorothea (2003): Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. Opladen. Neumann-Braun, Klaus / Astheimer, Jörg (2010): Doku-Glamour im Web 2.0. Party-Portale und ihre Bilderwelten. Baden-Baden. Neumann-Braun, Klaus / Autenrieth, Ulla P. (2011): Freundschaft und Gemeinschaft im Social Web. Bildbezogenes Handeln und Peergroup-Kommunikation auf Facebook & Co. Baden-Baden. Der Spiegel (2009): Fremde Freunde. Heft 10/2009, darin der Artikel »Nackt unter Freunden«. Stegbauer, Christian / Rausch, Alexander (2009): Grenzen der Erfassung = Grenzen von Netzwerken? Schnittmengeninduzierte Bestimmung von Positionen. In: Häussling, Roger: Grenzen von Netzwerken. Wiesbaden. White, Harrison C. (2008): Identity&Control. How Social Formations Emerge. Princeton / Oxford.