Linguistische Bildanalyse: Grundbegriffe, Methoden Und Anwendungsmöglichkeiten

Dr. Franziska Große

Sprache-Bild-Verknüpfungen sind zu den wichtigsten Botschaftsträgern geworden, mit denen Men- schen sich heute massenmedial verständigen. In den multimedialen Kommunikationsformen wird Schrift selbst zum Bild und Bilder können schriftähnliche Funktionen annehmen. Im Zeitalter be- schleunigter Wahrnehmung und wachsender Informationsbedürfnisse gilt mehr denn je Kroeber-Riels Ausspruch: „Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn!“ (Kroeber-Riel 1993: ix, vgl. auch Stiewe 1936: 34). Ja, aber sind sie auch etwas darüber hinaus? Was leisten Bilder im Zeitalter der visuellen Kom- munikation außer einer verkürzten, schnelleren Wahrnehmung? Und wie wird dieses semiotische Po- tential der Bilder realisiert? Lassen sich Strukturen der Bildkomposition aufzeigen, die linguistisch beschreibbar sind? Finden sich entsprechende Gliederungseinheiten und -ebenen in Bildern, die einer linguistischen Bildanalyse zugrunde gelegt werden können? Gibt es eine Typologie zur Bildsegmen- tierung und -beschreibung, die uns verstehen lässt, warum manche Bilder oder visuelle Gestaltungen von Schrift und Bild mehr Aufmerksamkeit erregen als andere? Und wie lassen sich Texte, die unter, über, neben oder in Bildern stehen, die zu ihnen gehören, auf diese verweisen, mitunter nur in einer gegenseitigen Wechselwirkung kohärent sind und selbst als ästhetische Gestalt wahrgenommen wer- den, analysieren und beschreiben ohne eine wie auch immer geartete Bildanalyse?

Die Verschmelzung von Sprache und Bild zu immer neuen Synergien und Mischformen bestimmen unseren Alltag, den öffentlichen Raum und die Massenmedien. Grade in einer stark von Bildern ge- prägten Mediengesellschaft ist die Fähigkeit zum „Bilderlesen“ eine kulturelle Schlüsselkompetenz. Denn kein Bild erklärt und versteht sich von selbst. Ihre Rezeption erfordert beträchtliches kulturelles Wissen z.B. über Icons und Piktogramme oder Verkehrsschilder und Ampeln und die Signalwerte ihrer Farben. Das Spektrum von Bildmedien und ihren Visualisierungsformen ist vielfältig. Die me- thodischen Zugänge zu ihrer (linguistischen) Beschreibung dagegen bisher eher nicht. Philologen stel- len sie vor ganz neue Herausforderungen. Um Sprache-Bild-Komplexe linguistisch beschreiben zu können, reicht es mitunter nicht aus, die sprachwissenschaftlichen Methoden der Untersuchung, die von der Struktur verbaler Kommunikationsformen geprägt wurden, auf Bilder zu übertragen. Aus lin- guistischer Sicht stellen Bilder und Sprache-Bild-Komplexe eine Modifikation und qualitative Erwei- terung des kommunikativen Handlungsspielraums dar. Unser Verständnis der sprachlichen Handlun- gen ist dabei auf unser Verständnis der bildlichen Handlungen angewiesen und umgekehrt. Eine Sprachtheorie, die dieser Modifikation des sprachlichen Handlungsspielraums durch Bilder gerecht werden will, muss daher ein integratives Analysemodell für die Untersuchung von sprachlichen und bildlichen Handlungen entwickeln, das der Tatsache Rechnung trägt, dass Sprache und Bild in ihrer Interaktion sich als komplementäre Kodierungsformen erweisen, die sich wechselseitig ergänzen und dabei zu neuen Bedeutungsinhalten steigern.

Ausgehend von der grundlegenden Frage, ob und wie Bilder „sprechen“ und in welcher Relation sie zu Texten stehen, soll in diesem Vortrag ein Beschreibungsapparat für Bilder im Kontext von Sprache und ein darauf aufbauendes Analysemodell vorgestellt werden, das die visuellen Zeichensysteme in mehrere Beschreibungsebenen unterteilt und auf verschiedene (grammatisch-strukturelle, thematisch- strukturelle, semantische, pragmatische, kommunikativ-funktionale) Aspekte hin untersucht.

Weil visuellen Zeichen – ebenso wie sprachlichen Ausdrücken – ihre kommunikativen Funktionen nicht naturgemäß innewohnen, sondern in Abhängigkeit von konkreten Zwecken in ganz unterschied- licher Weise und mit teils völlig voneinander abweichenden Strukturen konstituiert werden können, müssen sie als Resultat eines Vorganges aufgefasst werden, an dem Produzent und Rezipient glei- chermaßen beteiligt sind. Die Ansätze zur linguistischen Bildanalyse werden daher immer mit Bezug auf konkrete Analysebeispiele und Kommunikationssituationen vorgestellt. In exemplarischen Bei- spielanalysen zu jeder Ebene der visuellen Struktur- und Funktionsbeschreibungen werden auf diese Weise methodologische Ansätze einer linguistischen Bildanalyse zusammengefasst und die ihr zu- grundeliegenden strukturellen, semantischen, pragmatischen und kommunikativ-funktionalen Analy- sekategorien und Untersuchungskriterien erläutert.

Visuelle Zeichensysteme können als Text- und Bildsortenindikatoren, als thematische und illokutive Elemente der Bildkonstituition, als Kohäsions- bzw. Kohärenzmittel innerhalb eines Codes und mul- timedial zwischen verbalem und visuellem Code fungieren. In Abhängigkeit von der formalen und inhaltlichen Strukturierung der bildlichen Darstellung bzw. des Sprache-Bild-Komplexes sind sie je- weils sozial sinnhaft und in situativ angemessener Handlungsdurchführung stilistisch gestaltbar und bilden somit konstitutive Teile von Sprache-Bild-Komplexen und/oder von Basiseinheiten für das Verstehen von und das zweckmäßige Reagieren auf diskursive und soziokognitive Interaktionszu- sammenhänge. In diesem Sinne können sie als grundlegende Einheiten einer funktionsorientierten linguistischen Bildanalyse aufgefasst werden, deren Ziel es ist, die Strukturen und allgemeinen Bedin- gungen der Bildkonstitution systematisch zu beschreiben und ihre kommunikativen Funktionen im Kontext von Sprache und diskursiven Interaktionszusammenhängen zu erklären.

Werbekommunikate stellen dabei eine überaus verdichtete Form von verbalen, paraverbalen und vi- suellen Zeichensystemen dar. In aktuellen Beispielen soll gezeigt werden, dass sie auch auf metagrafi- sche und visuelle Elemente zurückgreifen und in ihren Synergien zu verdichteten Aussagen zusam- mengefasst werden können, die alle Grundformen thematischer Entfaltungen vereinen können und somit der generalisierenden These, wie sie z.B. von Brinker (2005: 122) vertreten wird, wiederspre- chen, nach der sie zu argumentativen Strukturen „gar nicht geeignet [sind], da sie inhaltlich viel zu unbestimmt, zu vage bleiben“. Auf welche Weise die verschiedenen Codes der Werbekommunikation als argumentative Text- bzw. Bildstruktur zusammenhängen und mit welchen Mitteln sie in einer lin- guistischen Analyse beschrieben werden können, soll exemplarisch in einer Beispielanalyse erörtert werden.

An dieser Stelle soll jedoch schon darauf hingewiesen werden, dass die hier vorgestellten Ansätze und Klassifikationsmodelle für eine linguistische Bildanalyse angesichts der faktisch unendlichen Menge potentieller und realer Sprache-Bild-Kommunikationen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und/ oder Allgemeingültigkeit erheben möchten oder können. Denn Bildklassifikationen eignen sich – ebenso wie Klassifikationen von Texten – immer nur für bestimmte Zwecke, haben immer nur unter bestimmten Voraussetzungen Relevanz. Die bewusst gewählte Heterogenität der ausgewählten Sprach- und Bildbeispiele, die sich so auch in unserem kommunikativen Alltag wiederfindet, dient jedoch gleichermaßen als Abbild der tatsächlich stattfindenden Kommunikationspraxis und als Probe für die Angemessenheit und Reichweite der vorgestellten Analyseverfahren einer linguistischen Bild- analyse.

Die Brisanz und Aktualität des Beitrages spiegelt sich in einer sich gerade formierenden Bild-Linguis- tik wieder, die an der Schnittstelle zwischen Text-, Bild-, Medien-, Kognitions- und Diskurslinguistik einen Meilenstein für interdisziplinäre Bezugswissenschaften darstellt. Das Projekt ist damit nicht nur gegenstandsbezogen, sondern soll die Funktion dieser neueren linguistischen Ansätze verständlich machen und auf die aus dem Medienwandel resultierenden Modifikationen sozialer Kognitionen in Bezug zum kollektiven Wissens- und Bildhaushalt ausweiten.