Kindgerechte Bilderwelten? Entwicklung und Regulierung des Schweizer Kinderfernsehens

Sara Signer,  Christian Wassmer,  Manuel Puppis

Kinder wachsen heute in einer Mediengesellschaft auf. Eine besondere Bedeutung kommt den audiovisuellen Medien zu. Das Fernsehen als bilddominantes Medium gilt bei Kindern zwischen 6-13 Jahren als beliebtestes und auch meist genutztes Medium. Bisherige Forschung zeigt, dass das Fernsehen nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa das Lieblingsmedium von Kindern ist (vgl. Livingstone/Haddon 2009). Der Grund für diese Beliebtheit liegt unter anderem an der Vielzahl an Bedürfnissen, die das Fernsehen befriedigen kann (vgl. Steinhilper 2008: 19; Medienpädagogischer Forschungsverbund 2009: 9-13), indem es neben Unterhaltung auch Information und Bildung bietet, den Tagesablauf strukturiert und kompensatorische Funktionen übernimmt. Durch seine Beliebtheit und Verbreitung nimmt das Fernsehen mit seiner Bilderwelt einen wichtigen Stellenwert im Sozialisationsprozess ein (vgl. Sturm 2000: 58).

Diesem hohen Stellenwert, den die Bilderwelten im Kinderfernsehen besitzen, steht eine lückenhafte Forschung gegenüber, welche sich nur selten mit Entwicklung, Qualität und Regulierung von kindgerechten audiovisuellen Angeboten befasst.

Zur Entwicklung und Qualität des Schweizer Kinderfernsehens gibt es bisher kaum veröffentlichte Forschung. Die BAKOM-Studie von Bonfadelli et al. (2007) zum Thema „Öffentlicher Rundfunk und Bildung. Angebot, Nutzung und Funktionen von Kinderprogrammen“ bildet dabei eine Ausnahme. Ältere Forschung zum Schweizer Kinderfernsehen gibt es zwar, diese wurde jedoch intern bei der SRG durchgeführt und nie veröffentlicht, resp. sogar als „vertraulich“ oder „geheim“ eingestuft. Generell sind empirische Studien, welche sich mit der Qualität zu Kinderfernsehen befassen sehr selten, da die Operationalisierung des Qualitätsbegriffs eine grosse Herausforderung darstellt. Die Studie von Signer (2010) zur Qualität im Schweizer Kinderfernsehen ist die bisher Erste ihrer Art.

Auch die Regulierung von Kinderfernsehen wurde bislang nur unzureichend erforscht. Die wenigen existierenden Studien fokussieren meistens auf einzelne Länder, vor allem auf die USA (vgl. Kunkel/Wilcox 2001; Kunkel 1998; 1999; Calvert 2008) oder Grossbritannien (vgl. Steemers 2010; D’Arma/Steemers 2009). Vergleichende Studien sind ebenfalls nur wenige vorhanden (vgl. Lisosky 2001; Ofcom 2007; D’Arma/Steemers 2010; D’Arma/Enli/Steemers 2009). Des Weiteren ist eine wachsende Anzahl an Studien zur Selbstregulierung und Co-Regulierung der Medien zu verzeichnen. In diesem Kontext fokussieren einzelne Studien auch auf den Jugendschutz (vgl. Tambini/Leonardi/Marsden 2008; HBI/EMR 2006). Noch nie aber wurde ein Vergleich der Regulierung des Kinderfernsehens vorgenommen, der positive wie negative Regulierungsmassnahmen mit einschliesst und diesbezüglich auch auf verschiedene Regulierungsformen fokussiert.

Hier setzt der vorgeschlagene Beitrag an. In einem ersten Schritt wird in einer Fallstudie die Entwicklung des Deutschschweizer Kinderfernsehens auf Basis einer Programm- und Sendeanalyse (1965-2007) nachgezeichnet. Dabei werden zum einen formale Kriterien berücksichtigt, wie beispielsweise die Entwicklung von Genres und Darstellungsformen. Zudem werden Aspekte von Qualität, wie z. B. Ästhetik und Originalität bei ausgewählten Sendungen (am Beispiel von Spielshows und Zeichentrickfilm) anhand einer Sendeanalyse (1965-2009) untersucht, welche eine Beurteilung visueller Aspekte ermöglichen. Doch nicht nur die Form von Bilderwelten ist im Sozialisationsprozess zentral, gerade die durch Bilder transportierten Inhalte finden im Kinderfernsehen besondere Berücksichtigung. Die zentrale Fragestellung lautet deshalb, wie sich die Bilderwelt und die Qualität des Deutschschweizer Kinderfernsehens seit den Anfängen entwickelt haben und einzuschätzen sind.

Die Resultate dieser Programm- und Sendeanalyse des Kinderprogramms von SF zeigen die fehlende Qualität der Bilderwelten im Schweizer Kinderfernsehen auf. Daraus lässt sich die Frage ableiten, welche regulatorischen Massnahmen denkbar sind, um deren Qualität zu verbessern. Zu diesem Zweck wird in einem zweiten Schritt ein Vergleich der Regulierung des Kinderfernsehens in acht Ländern und der EU durchgeführt. Dabei wird, wie auch im Call for Papers angesprochen, auf die politische Förderung wie Verhinderung der Bildproduktion eingegangen: Entsprechend werden in der Literatur zur Regulierung von Kinderfernsehen negative Formen der Regulierung, welche sich mit dem Schutz der Kinder vor entwicklungsbeeinträchtigenden Bildern befassen (Inhaltsbeschränkungen), von positiven Formen der Regulierung, welche die Förderung von qualitativ hochwertigen Programmen für Kinder zum Ziel haben (Inhaltsanforderungen), unterschieden (vgl. Kunkel 2007: 204; Kunkel/Wilcox 2001: 590; Huston/Watkins/Kunkel 1989: 424; Kunkel/Watkins 1987: 368; Keys 1999; Lemish 2007: 198; D’Arma/Steemers 2010: 115; Bernier 2004: 216-217). Zusätzlich lassen sich aus einer Governance-Perspektive verschiedenen Formen der Regulierung (Selbstregulierung, Co-Regulierung, staatliche Regulierung) unterscheiden (vgl. Puppis 2010). Der hier durchgeführte Vergleich der Kinderfernseh-Regulierung berücksichtigt sowohl positive und negative Regulierungsmassnahmen als auch verschiedene Formen der Regulierung und soll einen Beitrag zur Entwicklung von „Best Practice Modellen“ für die schweizerische Regulierung des Kinderfernsehens leisten.

Für die Schweizer Fallstudie wurde mit unterschiedlichen Methoden gearbeitet, um die Entwicklung des Schweizer Kinderfernsehens sowie die Qualität aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Eine Befragung von Kindern (N Fragebogen=86 / N Interviews=43), Eltern (N Fragebogen=86) und Fernsehschaffenden (N Fragebogen=86 / N Interviews=8) zeigt die Rezipientenperspektive auf. Die Programm- (N=965) und Sendeanalyse (N=21) zeigt die Entwicklung und Qualität des Angebots des Schweizer Kinderfernsehens auf. Der Vergleich zwischen der Beurteilung des Ideal- und Ist-Zustands des Programms, sowie die Sendeanalyse (N=21) auf der Ebene des Programms zeigen, dass in fast allen Bereich Optimierungspotenzial vorhanden ist (vgl. Hickethier 1984: 448-451; Trebbe 2005: 135; Schnell 2008: 407f.; Kubisch 2000: 69; Lampert 2000: 117; Brosius 2002: 131).

Für die Identifizierung von „Best Practice Modellen“ wurde ein einfacher Vergleich der Regulierung von Kinderfernsehen in Grossbritannien, Irland, Australien, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Italien, der Schweiz sowie der EU durchgeführt. Ziel war eine systematische Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten, welche die Entwicklung von Klassifikationen und Typologien erlaubt und daraus konkretes Wissen über ein spezifisches Phänomen herstellt, durchzuführen (vgl. Puppis/d’Haenens 2011; Landman 2008: 4-6; Caramani 2008: 4). Die Länderauswahl wurde auf der Grundlage von Hallin/Mancinis (2004) Typologie von Mediensystemen getroffen. Der Vergleich basiert auf einer qualitativen Dokumentenanalyse (vgl. Forster 1994; Mason 2002: 103-119; Mayring 2007; Silverman 2000; 2001: 119-123), in welcher sowohl deduktiv als auch induktiv vorgegangen wurde.

Die Ergebnisse der Programm- und Sendeanalyse zeigen deutlich, dass sich das Programmangebot des Schweizer Kinderfernsehens SF ausgeweitet hat und demnach der Beliebtheit bei Kindern und Jugendlichen gerecht wird. Gleichzeitig zeigt sich nach einer ersten Aufbauphase bis 1985 wieder ein Rückgang der Anzahl Genres und Darstellungsformen, was auf eine Reduktion der Bildervielfalt hinweist. So dominiert heute beispielsweise die Darstellung des Zeichentricks überproportional gegenüber anderen Darstellungsformen im Kinderfernsehen. Die Befragung von Eltern, Kindern und Fernsehschaffenden zeigt zudem deutlich, dass bezüglich Qualität eindeutig Optimierungspotenzial besteht, denn in Bezug auf 14 verschiedene Qualitätskriterien bestehen signifikante Unterschiede zwischen der Vorstellung der Befragten, wie Kinderfernsehen sein soll, und ihrer Beurteilung des tatsächlichen Kinderfernsehprogramms von SF. Dies betrifft auch die beiden speziell auf Bilder bezogenen Qualitätskriterien Ästhetik und Originalität.

Der Vergleich der Regulierung von Kinderfernsehen zeigt, dass in allen analysierten Ländern mit Ausnahme der Schweiz verschiedene Formen von positiven Inhaltsvorgaben existieren. Diese Tatsache kann die fehlende Qualität im Schweizer Kinderfernsehen möglicherweise erklären. In den meisten Ländern wird versucht, mit Output- und Produktionsquoten oder mit speziellen Auflagen für öffentliche Rundfunkveranstalter eine qualitativ hochwertige und vielfältige kindgerechte Bilderwelt zu fördern. Bezüglich der Verhinderung der Bildproduktion (negative Regulierung) lässt sich festhalten, dass die Schweiz das einzige Land ist, in welchem Verbote und Beschränkungen von Inhalten nur in geringem Masse existieren. In den übrigen untersuchten Ländern finden sich dagegen zumeist Klassifikationssysteme, um Minderjährige vor potenziell schädlichen Bildern zu schützen.

Mithilfe der vorliegenden Analyse wurde eine Vielzahl von Regulierungsmassnahmen identifiziert, mit deren Hilfe man Kinder entweder vor schädlichen Bildern und Inhalten schützen (negative Regulierung) oder qualitativ hochwertige Programme fördern (positive Regulierung) kann. Als konkrete Massnahmen für eine Verbesserung des Kinderfernsehens in der Schweiz bieten sich die Einführung konkreter Output- und Produktionsquoten sowie ein spezifischerer Auftrag für den öffentlichen Rundfunk an, um Menge und Qualität der Bilderwelten für Kinder zu erhöhen.