Thematisierungsprozesse: Muss denn immer erst etwas passieren?!

Thomas N. Friemel,  Benjamin Fretwurst

Seit den 70er Jahren wird unter dem Begriff des Agenda-Settings das Zusammenspiel von politischer Themenagenda, Medienberichterstattung und Problemwahrnehmung in der Bevölkerung untersucht. Die grosse Mehrheit der Studien beschränkt sich dabei auf eine nationale Perspektive. Dieser Beitrag schlägt vor, länderübergreifende Thematisierungsprozesse sowohl theoretisch wie auch empirisch zu untersuchen. Dies jedoch nicht mit Fokus auf eigentliche internationale Themen wie Globalisierung, bewaffnete Konflikte, Klimawandel und Wirtschaftskrise. Vielmehr sollen genuine Inlandsthemen im Zentrum stehen und deren Diffusion zwischen verschiedenen Ländern untersucht werden. Das vorgeschlagene Konzept des Cross-National Agenda-Settings geht davon aus, dass Ereignisse im Ausland dazu führen können, dass ein Thema auch im Inland die Wahrnehmungsschwelle von Politik, Medien oder Bevölkerung überschreitet und nicht nur als Auslandsnachricht Eingang in die Berichterstattung findet, sondern über die Zeit auch zu einem Inlandsthema wird. Dieser Prozess basiert im Idealfall nicht auf „realweltlichen“ kausalen Einflüssen des Auslandsereignisses sondern einzig auf einer medialen Thematisierung.

Auf theoretischer Ebene wird angenommen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Cross-National Agenda-Settings von der Ähnlichkeit verschiedener Kontextfaktoren abhängig ist wie z.B. der kulturellen Nähe, der ökonomischen Situation, dem politischen System etc. Ein anschauliches Beispiel für diese Prozesse sind die jüngsten Umwälzungen im arabischen Raum. Ein Regierungswechsel in einem Land (auch wenn es der Sturz eines Regimes ist) bedingt nicht automatisch einen Volksaufstand in einem anderen Land und trotzdem wurden in der Folge des überraschenden Umschwungs in Tunesien auch die Regierungen in anderen Ländern in Frage gestellt. Dies jedoch nicht völlig zufällig sondern primär im arabischen Raum (kulturelle Nähe) und in ähnlichen politischen Systemen (z.B. China).

Für eine erste empirische Prüfung des beschriebenen Konzeptes werden indes nicht diese fundamentalen politischen Umwälzungen hinzugezogen, sondern ein Thematisierungsprozess in stabilen politischen Systemen. Konkret wird untersucht, ob und in welcher Form das Schweizer Minarettverbot einen Einfluss hatte auf die innenpolitische Debatte in Deutschland. Der Schweizer Volksentscheid vom 29. November 2009 ist international stark beachtet und diskutiert worden. Auch hier trifft die Bedingung zu, dass es sich um ein genuines Inlandsthema handeln sollte (die schweizerische Rechtsprechung bezüglich dem Bau von Minaretten hat keinen direkten Einfluss auf entsprechende Bauvorhaben in anderen Ländern). Anhand einer multivariaten Zeitreihenanalyse der Medienberichterstattung und der Informationssuche der Rezipienten im Internet kann gezeigt werden, dass der Schweizer Volksentscheid einen signifikanten Einfluss auf die Berichterstattung wie auch auf das Themeninteresse der Rezipienten in Deutschland hatte.

Die erwähnten Beispiele zeigen Defizite in Thematisierungsprozessen auf, die sich regelmässig finden lassen. Als Alltagsproblem in mütterlichen Worten lautet es: „Muss denn immer erst etwas passieren?!“ Dieser Beitrag Beschreibt dieses bisher kaum beachtete Phänomen, versucht es theoretisch zu ergründen und liefert erste empirische Belege.