Visuelle Analyse von Kommunikationskonstellationen – das Beispiel des Naturgefahrenmanagements in der Schweiz

Nicole Bischof,  Martin Eppler

Die Fähigkeit Wissen innerhalb und ausserhalb einer Organisation zu transferieren wirkt sich entscheidend auf deren Werteentwicklung und Leistung aus (Argote & Ingram, 2000).

Die vorhandenen Kommunikationskonstellationen innerhalb der Organisation spielen beim Wissenstransfer und Wissensaustausch eine entscheidende Rolle, da sie darstellen, wer an der ‚Wissensarbeit’ beteiligt ist, welches Vorwissen involviert ist, in welcher Beziehung die Akteure zueinander stehen und in welcher Form Wissen geteilt oder weitergegeben wird. Daher ist eine Analyse der Kommunikationskonstellationen eine wichtige Voraussetzung um Weiterentwicklungen des Wissenstransfers in unterschiedlichen Arten von Organisationen zu unterstützen.

In ihrer wegweisenden Arbeit haben Argote und Ingram (2000) gezeigt, dass sich Wissen leichter von Organisation zu Organisation transferieren lässt, wenn sich diese in einem netzwerkartigen Verband befinden, wie z.B. virtuelle Organisationen (Pollalis & Dimitriou, 2008). Das Netzwerk des Naturgefahrenmanagements in der Schweiz kann als virtuelle Organisation (Kasper-Fuehrer & Ashkanasy, 2003) angesehen werden und eignet sich daher für detaillierte Untersuchungen zu Faktoren, die den Wissenstransfer beeinflussen und verbessern. Wir haben eine Analyse der Kommunikationsaufstellung im Naturgefahrenmanagement in der Schweiz vorgenommen und dabei mit Visualisierung als Forschungsinstrument gearbeitet.

Visuelle Objekte wie Zeichnungen, Bilder oder Informationsgrafiken eignen sich für die Analyse, da sie als sogenannte ‚boundary objects’ agieren (Star, 2004, 2010; S. Star & Griesemer, 1989). Dank der grundlegenden Arbeiten von Star (1989), Carlile (2002, 2004) und Newell et al. (2002, 2009) wissen wir, dass Bilder, sowohl physischer als auch imaginärer Art (bspw. eine Vision oder Strategie), einen entscheidenden Einfluß auf den Wissenstransfer haben und das Überwinden von Austauschbarrieren ermöglichen. Das gemeinsame Nutzen von Bildern ermöglicht das Transferieren und Teilen von Wissen, Einsichten, Erkenntnissen, Erfahrungen und Zusammenhängen. Visuelle Objekte sind zudem sehr effektiv bei der Analyse von Zusammenhängen, da sie a) verschiedene Arten von Information aggregieren und verdichten, b) ihre Verknüpfung zeigen, und c) Information einfacher verständlich und schneller abrufbar machen (Eppler & Platts, 2009).

In unserer problemorientierten Studie, die im Rahmen eines interdisziplinären Nationalfondsprojektes durchgeführt wird, untersuchen wir den Wissenstransfer und Wissensaustausch zwischen Forschung und Praxis. Wissenstransfer ist dabei als Prozess zu verstehen, der organisationales Lernen ermöglicht (Szulanski, 2000; Szulanski & Cappetta, 2003). Mögliche Barrieren beim Transfer von Wissen können falsche Kommunikationsformate (Eppler, 2007), die „Klebrigkeit“ der Information an ihrem ursprünglichen Ort (Von Hippel, 1994), die (negative) Grundeinstellung einer Organisation gegenüber Wissensaustausch (Szulanski, 2000), das vorhandene Wissen der einzelnen Akteure selbst (Carlile, 2002, 2004), oder ein schlecht koordinierte Transferprozess (Szulanski, 2000) sein.

Erste Ergebnisse unserer umfangreichen qualitativen Befragung zeigen die Kommunikationskonstellation und zeitliche Herleitung der Initiative zum nationalen Schutz vor Naturgefahren. Die Ergebnisse bekräftigen die Wichtigkeit von Ausbildung, persönlichen Netzwerken, persönlicher Bindung an das Thema und Art des Wissens für den Wissenstransfer.

Im Folgenden wird der Fall und unser Analysevorgehen beschrieben: Die Schweiz ist durch ihre geographische Lage, Topographie und das vorherrschende Klima von Naturgefahren wie beispielsweise Schneelawinen, Hochwassern, Stürmen und Erdbeben betroffen. In Kombination mit der sehr dichten Besiedelung und intensiven Nutzung dieses Lebensraumes ergibt sich daraus ein erhebliches Risiko für Bevölkerung, Siedlungen und Infrastruktur. Der Schutz der Bevölkerung und potentiell betroffener Siedlungsgebiete, Strassen und Infrastrukturanlagen vor Naturgefahren ist in der Schweiz gesetzlich im Waldgesetz von 1991 verankert. Bund und Kantone sowie Privatunternehmen investieren jährlich ca. 2.9 Mrd. SFr. in den Schutz vor Naturgefahren und den Unterhalt der Maßnahmen. Eine besondere Bedeutung kommt daher seit mehr als einer Dekade der Prävention vor Naturgefahrenrisiken zu, was sich durch Investitionen in Warnung, Objektschutz, Raumplanung und Ausbildung widerspiegelt. Das impliziert, daß in der Schweiz ein weitgespanntes Akteursnetzwerk von Experten aus Forschung und Praxis existiert, das sich dieser anspruchsvollen Aufgabe „Schutz vor Naturgefahren“ widmet. In diesem Zusammenhang kommt der Kommunikation eine besondere Stellung zu, nicht nur innerhalb des Expertennetzwerkes Naturgefahren, sondern auch zwischen Experten und der Bevölkerung. Eine zusätzliche Herausforderung für die Kommunikation entsteht aufgrund der Tatsache, dass das Thema ‚Risiken aus Naturgefahren’ in der Bevölkerung laut einer Studie der Stiftung Risiko-Dialog nur auf mittelmäßiges Interesse stösst, wenn nicht gerade ein katastrophales Ereignis stattfindet (Stiftung Risiko-Dialog, 2009). Die außerparlamentarische Kommission „Plattform Naturgefahren“ wurde mit dieser Aufgabe, den Risikodialog zu fördern, betraut und unternimmt deutliche Anstrengungen, wie z.B. Tagungen, Expertenworkshops und Weiterbildungen, oder das kürzlich gestartete Ausbildungsprogramm für Naturgefahrenexperten der kantonalen Fachstellen.

Unser Forschungsinteresse gilt den Kommunikationskonstellationen und strategischen Entscheiden innerhalb dieses Akteursnetzwerkes. Um ein Verständnis für den Kontext, die Kommunikationsbarrieren und Lösungen für einen effektiven Wissenstransfer zu erhalten, wurden 28 Experten aus verschiedensten naturgefahrenrelevanten Institutionen persönlich befragt. Dabei haben wir die strukturierten, qualitativen Interviews durch visuelle Objekte, wie beispielsweise Zeitdiagramme, Bewertungsschieber oder Akteurskärtchen (open card sorting), unterstützt. Dieser visuellen Entdeckungsstimuli (Crilly, Blackwell, & Clarkson, 2006) werden dann eingesetzt, wenn der Untersuchungsgegenstand hauptsächlich in verbaler Form angegangen wird. Beispielsweise das Sortieren von Wort-, Phrasen- oder Bildkarten kann dazu führen, dass Ideen und Gedanken ausgesprochen werden, die sonst verborgen geblieben wären (Gaskell, 2000). Die visuellen Elemente, oder auch ‚boundary objects’, verhelfen in der Befragung zu detaillierteren Diskussionen, Erzählungen von Erfahrung oder Analogien, und führte somit zu höherem Erkenntnisgewinn (Newell, Robertson, Scarborough, & Swan, 2009). Drei Beispiele von visuellen Objekten, die bei der Befragung angewendet wurden, sind in Abbildung 1, 2 und 3 dargestellt.

In diesem Beitrag werden wir erste Ergebnisse dieser Analyse der Kommunikationskonstellation unter Einsatz von visuellen Hilfsmitteln präsentieren. Die Analyse dieser induktiven Untersuchung basiert auf einem ethnographischen Ansatz und wird in einem zweistufigen Verfahren vorgenommen (Balogun & Johnson, 2004, 2005): zunächst werden direkte Beobachtungen von Verhaltensweisen und getroffene Aussagen zusammengestellt und systematisiert. In einem zweiten Schritt werden diese Zusammenfassungen klassifiziert und generalisierbare Aussagen abgeleitet (Eisenhardt & Graebner, 2007).

Die visuelle Gestaltung der Befragungen kann als eine methodische Weiterentwicklung sozialwissenschaftlicher Forschungswerkzeuge verstanden werden. Wir erwähnen daher auch mögliche Risiken und Grenzen bildunterstützter Interviewführung bei der Untersuchung von Kommunikationskonstellationen. Beobachtete Risiken sind u.a. die übermässige Fixierung auf die visuelle Unterstützung während der Interviewsituation; die Überbewertung der Ergebnisse der Visualisierungsaufgaben gegenüber anderen Ergebnissen; besondere Erwartung bei der nachträglichen Systematisierung und Sinnzuschreibung wegen der Visualisierungsaufgabe bei Interviews; Beeinflussung der Erinnerungsleistung des Interviewers aufgrund des visualisierten Resultates.


Literatur

Argote, L., & Ingram, P. (2000). Knowledge Transfer: A Basis for Competitive Advantage in Firms. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 82(1), 150-169.

Balogun, J., Huff, A. S., & Johnson, P. (2003). Three Responses to the Methodological Challenges of Studying Strategizing. Journal of Management Studies, 40, 197-224.

Balogun, J., & Johnson, G. (2004). ORGANIZATIONAL RESTRUCTURING AND MIDDLE MANAGER SENSEMAKING. Academy of Management Journal, 47, 523-549. Balogun, J., & Johnson, G. (2005). From Intended Strategies to Unintended Outcomes: The Impact of Change Recipient Sensemaking. Organization Studies, 26(11), 1573-1601.

Carlile, P. R. (2002). A Pragmatic View of Knowledge and Boundaries: Boundary Objects in New Product Development. ORGANIZATION SCIENCE, 13(4), 442-455.

Carlile, P. R. (2004). Transferring, Translating, and Transforming: An Integrative Framework for Managing Knowledge across Boundaries. Organization Science, 15(5), 555-568.

Crilly, N., Blackwell, A., & Clarkson, P. J. (2006). Graphic elicitation: using research diagrams as interview stimuli. Qualitative Research, 6. Eisenhardt, K. M., & Graebner, M. (2007). THEORY BUILDING FROM CASES: OPPORTUNITIES AND CHALLENGES. Academy of Management Journal, 50(1), 25–32.

Eppler, M. J. (2007). Knowledge Communication Problems between Experts and Decision Makers: an Overview and Classification. The electronic Journal of Knowledge Management, 5(3), 291-300.

Eppler, M. J., & Platts, K. W. (2009). Visual Strategizing: The Systematic Use of Visualization in the Strategic-Planning Process. Long Range Planning, In Press, Corrected Proof.

Gaskell, G. (2000). Individual and group interviewing. In M. W. Bauer & G. Gaskell (Eds.), Qualitative researching with text, image and sound: a practical handbook (pp. 38-56). London, UK: Sage Publications.

Kasper-Fuehrer, E. C., & Ashkanasy, N. M. (2003). The Interorganizational Virtual Organization : Defining a Weberian Ideal. International Studies of Management and Organization, 33(4), 34-64. Newell, S., Robertson, M., Scarborough, H., & Swan, J. (2009). Managing knowledge work and innovation (2 ed.): Palgrave Macmillan.

Pollalis, Y. A., & Dimitriou, N. K. (2008). Knowledge management in virtual enterprises: A systemic multi-methodology towards the strategic use of information. International Journal of Information Management, 28(4), 305-321.

Star, S. L. (2004). Kooperation ohne Konsens in der Forschung: Die Dynamik der Schliessung in offenen Systemen. In J. Strübing, I. Schulz-Schaeffer, M. Meister & J. Gläser (Eds.), Kooperation im Niemandsland. Opladen: Leske + Budrich.

Star, S. L. (2010). This is Not a Boundary Object: Reflections on the Origin of a Concept. Science Technology Human Values 35, 601-617. Star, S. L., & Griesemer, J. R. (1989). Institutional Ecology, 'Translations' and Boundary Objects: Amateurs and Professionals in Berkeley's Museum of Vertebrate Zoology, 1907-39. Social Studies of Science, 19, 387-420.

Szulanski, G. (2000). The Process of Knowledge Transfer: A Diachronic Analysis of Stickiness. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 82(1), 9-27.

Szulanski, G., & Cappetta, R. (2003). Stickiness: conceptualizing, measuring, and predicting difficulties in the transfer of knowledge within organizations. In M. Easterby-Smith & M. A. Lyles (Eds.), The Blackwell Handbook of Organizational Learning and Knowledge Management: Blackwell

Von Hippel, E. (1994). "Sticky Information" and the Locus of Problem Solving: Implications for Innovation. MANAGEMENT SCIENCE, 40, 429-439.