Das Bild als Forschungsmethode in den Medien- und Kommunikationswissenschaften

Caroline Roth-Ebner

Die Beschäftigung mit dem Bild ist in den letzten Jahren unter den Schlagwörtern „pictorial“ und „iconic turn“ zum Trend in verschiedensten Disziplinen geworden. In den Medien- und Kommunikationswissenschaften haben Bilder als Untersuchungsgegenstand eine lange Tradition. Das Bild als Methode ist jedoch ein relativ neuer Ansatz (Gauntlett 2007, S. 263). Dabei sind visuelle Verfahren gerade für die Mediennutzungsforschung besonders geeignet, da sie „den überwiegend visuellen Charakter der zeitgenössischen Medien widerspiegeln“ (ebd., S. 264) und besser als sprachliche Mittel dem Untersuchungsgegenstand entsprechen. Darüber hinaus sind Medienerlebnisse meist keine reflektierten Erinnerungen, welche in Interviews abgefragt werden können. Beim Anfertigen von Bildern wird diesen Reflexionen Raum gegeben, wodurch die Forschungsergebnisse aufgewertet werden.

In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach, wie Bilder (Zeichnungen) in den Medien- und Kommunikationswissenschaften als Methode eingesetzt und welche Erkenntnisse dadurch generiert werden können. Dazu stelle ich zunächst exemplarisch Studien im Bereich der Medien- und Kommunikationsforschung vor, deren Methodengrundlage Zeichnungen sind. Ein sehr bekanntes Beispiel ist die „Drawing Celebrity-Studie“ von David Gauntlett (2005), in welcher Jugendliche ihre Lieblingsprominenten zeichneten und anschließend mittels Fragebogen dazu befragt wurden. Dem Bereich der Medienpädagogik ist der Ansatz von Norbert Neuß (1999) zuzuordnen. Er untersucht Medienerinnerungen anhand von Kinderzeichnungen und ergänzt diese durch narrative Interviews. Die Methode des Visualisierens in Ergänzung zu qualitativen Interviews, welche im Fokus meines Vortrages steht, wurde von Christina Schachtner für die Medien- und Technikforschung fruchtbar gemacht. In ihrer Untersuchung zum Verhältnis von Mensch und Maschine (Schachtner 1993) ließ sie z. B. die von ihr befragten Software-EntwicklerInnen Körperbilder anfertigen, die veranschaulichen sollten, welche Teile ihrer Persönlichkeit oder ihres Körpers beim Programmieren beteiligt sind (ebd., S. 23).

Worin aber liegt der Mehrwert von visuellen Darstellungen, wenn es um deren Verwendung in methodischen Zusammenhängen geht? Bilder sind polysem oder, wie es der Medienpädagoge Christian Doelker (1998, S. 19) formuliert, „in der Bedeutung offen“. Sie verbergen ein komplexes Gefüge aus Symbolen, Bedeutungen, Gedanken, Gefühlen, Werten, biographischen Informationen, Wünschen, Träumen und Fantasien. Den Erkenntniswert von Visualisierungen in Ergänzung zu Interviews sieht Schachtner in der Möglichkeit, „schwer oder nicht Faßbares mitzuteilen, das angesichts des Bildes im anschließenden Kommentar vielleicht doch sagbar wird“ (Schachtner 1993, S. 23). In der Zeichnung sei es möglich, auch körperlich und emotional Erlebtes auszudrücken (ebd.). Eine bildhafte Darstellung ist in ihrem Ausdruck freier als das Wort. Verbale Aussagen unterliegen grammatischen und syntaktischen Regeln und sind abhängig vom individuellen Sprachschatz. Ein leeres Blatt Papier hingegen bietet Freiraum für Kreativität und Fantasie.

Im Hauptteil gehe ich im Detail auf die von Schachtner entwickelte Methode ein. Bei diesem Vorgehen fertigen die Befragten unmittelbar nach den Interviews Zeichnungen zu einer bestimmten Fragestellung oder einem Impuls an und erläuterten diese verbal. Die Fragen orientieren sich am Forschungsinteresse und können im Sinne der theoretischen Sättigung während des Forschungsprozesses verändert werden. Auf diese Weise entsteht eine Vielfalt von Visualisierungen als Datenmaterial, welche jeweils unterschiedliche Aspekte aufgreifen. Diese kontrastierende Methode ist geeignet, um unbewusste Botschaften erfassen zu können oder das im Interview Gesagte zu illustrieren bzw. Widersprüche aufzudecken. „Bilder sind Welten“, meint Christian Doelker (1998, S. 7), und jeder Mensch sieht die Welt anders. Die Herausforderung besteht demnach im Umgang mit den visuellen Daten. Die Polysemantik des Bildes erschwert dessen Interpretation. Wie kann also eine Interpretation vorgenommen werden, die möglichst nahe an der subjektiven „Wirklichkeit“ der einzelnen Zeichnenden ist und gleichzeitig einen Vergleich der Bilder möglich macht? “Forschen heißt, Fragen zu stellen”, sagt Christina Schachtner (1999, S. 45), und so habe ich als einen möglichen Ansatz ein Deutungskonzept mit einem Set von Fragen entworfen, das ein systematisches Herangehen an die bildlichen Botschaften ermöglicht. Die Fragen lassen sich folgenden Interpretationsschritten zuordnen: intuitive Interpretation, Bildbeschreibung, „kommunikative Reflexion“ (Neuß 1998, S. 20), kontextuale Deutung, Fazit, Relevanz für das Forschungsinteresse (Roth-Ebner 2008, S. 69). Diese Vorgehensweise lässt sich anhand von Panofskys Konzept zur Interpretation von Kunstwerken (Panofsky 1984) in die Analyseebenen „Phänomensinn“ (Bildbeschreibung), „Bedeutungssinn“ (kommunikative Reflexion) und „Wesenssinn“ (kontextuale Deutung) einordnen.

Die Methode des Visualisierens werde ich am Beispiel eigenen Datenmaterials aus zwei Studien veranschaulichen. Die erste, bereits abgeschlossene Studie geht der Frage nach der Identitätsrelevanz von Castingshows für jugendliche RezipientInnen nach. Dazu wurden jugendliche Fans des österreichischen TV-Formats „Starmania“ interviewt. Danach wurden sie gebeten, eine Zeichnung anzufertigen, die ihr Verhältnis zur Show ausdrückte. Das Ergebnis waren unterschiedliche Hinweise auf Identifikationen und Rezeptionsmotive, welche durch die Visualisierungen implizit bzw. manchmal auch explizit ausgedrückt wurden. In der zweiten Untersuchung, welche sich zurzeit in der Auswertungsphase befindet, untersuche ich die Zusammenhänge zwischen digitalen Medien und der Arbeit von so genannten Digicom-ArbeiterInnen. Das sind Menschen, die bei ihrer Arbeit hauptsächlich digital kommunizieren. Was mich speziell interessiert, ist wie die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (also vorwiegend Computer und Handy) die Wahrnehmung der Arbeitenden von Zeit und Raum beeinflusst. In ihren Zeichnungen manifestieren sich zum einen die unterschiedlichen Chancen und Herausforderungen einer zunehmend informatisierten Arbeitswelt, zum anderen spiegeln sich darin die neuen Raum-Zeit-Verhältnisse durch die Nutzung digitaler Medien wider. Die KonferenzteilnehmerInnen sind eingeladen, sich ihr eigenes „Bild“ über die Visualisierungen zu machen.


Literatur: Doelker, Christian: Bilder lesen – Bildpädagogik und Multimedia, Donauwörth u. a., Auer, 1998

Gauntlett, David: Using Creative Visual Research Methods to Understand Media Audiences, in: MedienPädagogik, 28.3.2005, online unter: www.medienpaed.com [22.12.2010]

Gauntlett, David: Neue Forschungsmethoden in der Publikumsforschung, in: Mikos, Lothar et al. (Hrsg.): Mediennutzung, Identität und Identifikationen. Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen, Weinheim/München, Juventa-Verl., 2007, S. 263-278

Neuß, Norbert: Bilder des Verstehens. Zeichnungen als Erhebungsinstrument der qualitativen Rezeptionsforschung, in: medien praktisch, H. 3/1998, S. 19-22

Neuß, Norbert: Methoden und Perspektiven einer qualitativen Kinderzeichnungsforschung, in: Maset, Pierangelo (Hrsg.): Pädagogische und psychologische Aspekte der Medienästhetik: Beiträge vom Kongreß der DgfE 1998 „Medien-Generation“, Opladen, Leske + Budrich, 1999, S. 49-73

Panofsky, Erwin: Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst, in: Kaemmerling, Ekkehard (Hrsg.): Bildende Kunst als Zeichensystem, 3. überarb. Aufl., Köln, DuMont, 1984, S. 185-206

Roth-Ebner, Caroline: Identitäten aus der Starfabrik. Jugendliche Aneignung der crossmedialen Inszenierung „Starmania“, Opladen/Farmington Hills, Budrich Uni Press, 2008

Schachtner, Christel: Geistmaschine: Faszination und Provokation am Computer, 2. Aufl., Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1993

Schachtner, Christina: Ärztliche Praxis: die gestaltende Kraft der Metapher, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1999