Visualisierung in Wissenschaftsmagazinen des Fernsehens

Anna‐Maria Volpers

Problemstellung und Forschungshintergrund

Der visuellen Darstellung von Wissenschaft im Fernsehen wird nachgesagt, dass sie von stereotypen Bildern geprägt sei, die sich auf Laborszenen mit Reagenzgläsern und Menschen in weißen Kitteln reduzierten. Der Visualisierungszwang des Fernsehens macht es außerdem notwendig, dass auch an den Stellen Bilder gezeigt werden müssen, an denen eigentlich kein geeignetes Bildmaterial zur Verfügung steht. (Vgl. Hömberg/Yankers 2000) Sachverhalte und Vorgänge wissenschaftlicher Forschung sind häufig komplex und nicht selten für das menschliche Auge unsichtbar. Bei der Darstellung wissenschaftlicher Themen ergibt sich folglich eine Notwendigkeit, besondere Formen der Visualisierung einzusetzen. Der Begriff der Visualisierung wird dabei zunächst allgemein als Oberbegriff für alle die Bildspur betreffenden Darstellungsmöglichkeiten verstanden, bezeichnet in einem engeren Sinne aber auch die Darstellungen, die etwas sichtbar machen, das so unter gewöhnlichen Sehbedingungen nicht wahrzunehmen wäre (vgl. Mersch 2009). Wo im Fernsehjournalismus noch vor 20 Jahren gebaute Modelle im Studio zur Veranschaulichung dienten, wird heute mit den Mitteln modernster Video- und Computertechnik gearbeitet. Die Studie, auf der dieser Beitrag basiert, untersucht vor dem Hintergrund der kontinuierlichen Fortentwicklung digitaler Techniken das medial vermittelte „Bild der Wissenschaft“.

Fragestellung und Methode

Der Vortrag geht folglich der Frage nach, welche visuellen Darstellungsmittel der Fernsehjournalismus bei der Berichterstattung über wissenschaftliche Themen nutzt. Neben einem Ausblick auf die Bandbreite der zur Verfügung stehenden visuellen Gestaltungsmittel stehen dabei die Bildmotive und ihr Beitrag zum medial erzeugten „Bild der Wissenschaft“ im Fokus. Mittels einer Klumpenauswahl wurden dazu jeweils zehn aufeinanderfolgende Sendungen der Magazine „Abenteuer Forschung“ (ZDF), „Abenteuer Wissen“ (ZDF), „Alles Wissen (HR), „nano“ (3sat), „Odysso – Wissen entdecken“ (SWR), „OZON – Aus Wissenschaft und Umwelt“ (RBB), „Quarks & Co“ (WDR) und „W wie Wissen“ (Das Erste) analysiert. Die Besonderheit des Vorgehens liegt darin begründet, dass zunächst in einer aufwändigen Exploration die meisten Kategorien für die anschließende quantifizierende Inhaltsanalyse induktiv generiert werden mussten. In einem zweistufigen Forschungsdesign wurden erst die Filmbeiträge als Ganzes und anschließend einzelne Sequenzen, die 3D-Animationen enthielten, untersucht.

Analyse auf Beitragebene

Auf der Beitragsebene wurden die Filmbeiträge (n = 390) hinsichtlich formal-ästhetischer und inhaltlicher Gestaltungsmittel analysiert. Die formal-ästhetische Dimension beinhaltet Bildeffekte (Zeitlupe, Zeitraffer, Verfremdungen etc.) sowie das Vorkommen von Grafiken und Animationen. Die inhaltliche Analyse geht über die Erfassung des Vorkommens technischer Möglichkeiten hinaus und fokussiert die gezeigten Bildinhalte. Dazu gehören der Einsatz von Spezialkameras (z.B. Unterwasserkameras und Wärmebildkameras) und besonderen Bildquellen (z.B. historischen Archivaufnahmen und Reenactments). Ein Schwerpunkt liegt auf der Analyse der gezeigten Bildmotive. Die Kategorienbildung für die Motive erfolgte induktiv am Material und die anschließende Erhebung standardisiert. Methodisch wurden hierzu bisherige Ansätze der Bildanalyse wie die Analyse von Schlüsselbildern (vgl. Ludes 1993) und das Konzept des visuelles Framings (vgl. Leonarz 2006; Ziegelmaier 2009) aufgegriffen. Im Wesentlichen zeigen sich Parallelen zu der Bildtypenanalyse von Elke Grittmann, (vgl. Grittmann 2007; Grittmann/Ammann 2009) die bislang jedoch noch nicht auf bewegte Bilder angewendet worden ist. Der methodische Ansatz ist mit der Inhaltsanalyse im Grunde ein kommunikationswissenschaftlicher, weist jedoch im besonderen Maße interdisziplinäre Züge auf. Zur Kategorisierung der Bildmotive tragen Aspekte aus Bildwissenschaft und Kunstgeschichte bei.

Analyse auf sequenzieller Ebene

Auf sequenzieller Ebene wurden in einem zweiten Schritt alle im Untersuchungszeitraum vorkommenden 3D-Animationen (n = 275) analysiert. Computergrafiken besitzen die Eigenart, dass sie keine Abbilder sein müssen und etwas darstellen können, zu dem es in der Realität keine Entsprechung gibt. So können sie noch nicht Geschehenes simulieren oder getrennte Vorgänge im Bild fusionieren. (Vgl. Wolf 1997) Für die visuellen Gestaltungsmöglichkeiten von Fernsehsendungen bedeutet dies, dass computergenerierte Bilder an Stellen gezeigt werden können, an denen der Einsatz von Realfilmaufnahmen unmöglich oder nicht geeignet ist. (Vgl. Dohle 1997; Meckel 1998) Hinsichtlich des Einsatzes von 3D-Animationen behandelt der Vortrag die Frage, welche Themen und Motive animiert werden und welche Funktionen Animationen in Wissenschaftssendungen einnehmen.

Zentrale Befunde

Der Vortrag liefert damit auf Basis einer Produktanalyse eine Bestandsaufnahme der visuellen Gestaltungsmöglichkeiten im Fernsehjournalismus. Anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse wird das medial vermittelte „Bild der Wissenschaft“ empirisch fundiert beschrieben. Die in Wissenschaftsmagazinen verwendeten Bildinhalte bestehen nur zu einem Teil aus stereotypen Darstellungen von Forschern im Labor und wissenschaftlichen Objekten. Charakteristische Motive sind zudem der Mensch in seiner Alltagsumgebung und der Computerbildschirm als Ikone wissenschaftlicher Arbeit in allen Disziplinen. Die Analyse der verwendeten Motive in 3D-Animationen legte zwei dominierende Perspektiven der Betrachtung offen: erstens der Blick auf oder in die Erde und zweitens der Blick in den menschlichen Körper, der das Eindringen der virtuellen Kamera in sämtliche menschliche Organe und Zellen erlaubt. Methodisch liefert die Studie einen Beitrag zur quantitativen Inhaltsanalyse von Bildmotiven und setzt sich interdisziplinär mit der Erfassung von Bildinhalten auseinander.


Literatur

Dohle, Hanjo (1997): Simulation in Nachrichtensendungen hat Zukunft. In: Hoffmann, Kay (Hrsg.): Trau – Schau – Wem. Digitalisierung und dokumentarische Form. Konstanz, S. 183-188.

Grittmann, Elke (2007): Das politische Bild. Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln.

Grittmann, Elke/Ammann, Ilona (2009): Die Methode der quantitativen Bildtypenanalyse. Zur Routinisierung der Bildberichterstattung am Beispiel von 9/11 in der journalistischen Erinnerungskultur. In: Petersen, Thomas/Schwender, Clemens (Hrsg.): Visuelle Stereotype. Köln, S. 141-158.

Hömberg, Walter/Yankers, Melanie (2000): Wissenschaftsmagazine im Fernsehen. Exemplarische Analyse öffentlich-rechtlicher und privater Wissenschaftssendungen. In: Media Perspektiven, Nr. 12, S. 574-580. Leonarz, Martina (2006): Gentechnik im Fernsehen. Eine Framing Analyse. Konstanz.

Ludes, Peter (1993): Schlüsselwörter und Schlüsselbilder in Fernsehnachrichtensendungen in der Bundesrepublik und in der damaligen DDR. In: Ludes, Peter (Hrsg.): Orientierungsmittel im Fernsehen. Siegen, S. 117-131.

Meckel, Miriam (1998): Nachrichten aus Cyburia. Virtualisierung und Hybridisierung des Fernsehens. In: Kamps, Klaus/Meckel, Miriam (Hrsg.): Fernsehnachrichten. Prozesse, Strukturen, Funktionen. Opladen/Wiesbaden, S. 203-212.

Mersch, Dieter (2009): Wissen in Bildern. Zur visuellen Epistemik in Naturwissenschaft und Mathematik. In: Hüppauf, Bernd/Weingart, Peter (Hrsg.): Frosch und Frankenstein. Bilder als Medium der Popularisierung von Wissenschaft. Bielefeld, S. 107-134.

Wolf, Fritz (1997): Digitale Phantome. Die Entwicklung computergenerierter Bilder. In: agenda, Nr. 31, S.10-13.

Ziegelmaier, Saskia (2009): Visuelles Framing von Alter. Frankfurt am Main.