Computergestützte integrierte Bild-Text-Ton-Analyse audiovisueller Materialien

Christofer Jost,  Daniel Klug

Computergestützte integrierte Bild-Text-Ton-Analyse audiovisueller Materialien

Beschäftigt man sich für den Fall der Audiovision (Film, TV, Clip) mit dem Bild, so bleibt das komplexe Zusammenspiel von Bild-Text-Ton in der Regel unterbelichtet. Folglich besteht ein Desiderat, bildbezogene Analysen und texthermeneutische Ansätze mit musikwissenschaftlichen Zugängen unter dem Dach einer kulturtheoretischen Perspektive zu vereinen und auf der Grundlage eines integrieren Analyseinstruments für eine umfassende Analyse zugänglich zu machen. Der Vortrag stellt an Hand eines im Zuge des Forschungsprojekts „Bild-Text-Ton-Analysen am Beispiel der Gattung Videoclip“ entwickelten web-basierten Programms die Visualisierung musikbasierter Audiovision im Sinne einer strukturierten und gegenstandsangemessenen Transkription vor. Das Analyseprogramm verwirklicht die Zielvorstellung einer interdisziplinär fundierten Hinleitung zur Interpretation entsprechender Medienangebote. Zentraler Gegenstand ist hierbei die Gattung Musikclip in ihrer spezifischen ästhetischen Verfasstheit.

Die Analyse des audiovisuellen Phänomens Musikclip krankt nach wie vor an einer Untergewichtung der Bedeutung des Tons, was in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung immer wieder als Desiderat moniert wird (vgl. Jost/ Klug 2009). Im Musikclip ist der Ton in Form des Musikstücks als Materialität/Produkt vorgängig und wirkt somit potentiell strukturbildend auf die Bildereignisse ein. Trotz verschiedener, teilweise sehr heterogener Versuche, die Musik in der Analyse zu berücksichtigen, fehlte bisher ein einheitliches Analyseinstrumentarium. So wurden weder musikimmanente Strukturen, respektive (popular)musikalische Kontexte in ausreichendem Masse berücksichtigt, noch wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass Musikclips eigenen, mediengattungsspezifischen Strukturprinzipien folgen. Oftmals kommt es in der Forschung nur zur bloßen Adaption inhaltsanalytischer Verfahren aus der Film- und Fernsehforschung, mit denen die spezifischen Formen und Funktionen von Musikclips nicht ausreichend dargelegt werden können. Die Besonderheit des Musikclips gründet sich strukturell auf seiner kulturindustriellen Funktion und Verwurzelung in Konzepten audiovisueller Kunst sowie inhaltlich auf seiner Orientierung an jugend(sub)kulturspezifischen Musik-, Sound- und Körperkulturen (vgl. Jost/ Neumann-Braun/ Schmidt 2010).

Das im genannten Projekt als Open Source entwickelte, web-basierte Programm stellt nun ein gegenstandsangemessenes interdisziplinäres Analyseinstrumentarium zur Interpretation von Inszenierungsformen in Musikclips bereit, das auch dem eigentümlichen Wechselverhältnis aus Bild, Text und Ton unter expliziter Berücksichtigung der Bedeutung der (populären) Musik Rechnung trägt. Es zielt darauf ab, die mannigfachen intermedialen Korrespondenzverhältnisse im Clip angemessen visualisierbar zu machen. Die Frage der Angemessenheit bezieht sich dabei vor allem auf die teils extreme Dichte der audiovisuellen Konzeption von Musikclips, durch die sich im Verlauf des Clips oftmals mehrere Bild-Text-Ton-Relationen gleichzeitig abzeichnen können (vgl. Keazor/ Wübbena 2007, S.95ff). Musikclips greifen auf ein unermessliches kulturelles Reservoir audiovisueller Inszenierungsstrategien zurück, wodurch ihre ästhetischen Konzeptionen zunächst äußerst disparat erscheinen (vgl. Kerscher/ Richard 2003, S.214f). Steht in einem Clip die Narration im Vordergrund, so können andere Clips lose Ereignisketten inszenieren oder sich gar jeglicher Handlungselemente entledigen und ausschließlich grafisch-abstrakte Effekte zeigen; ebenso kann ausschließlich die Performance der InterpretInnen dargestellt werden. All diese Darstellungsmöglichkeiten stehen in verschieden starken Relationen zu dem musikalischen und dem songtextlichen Geschehen. Die vollständige Transkription dieses Relationsgefüges mittels einer integrierten Bild-Text-Ton-Analyse ist für eine analytisch-interpretative Behandlung des Clips unentbehrlich. Es ist somit erforderlich, innerhalb des audiovisuellen Gebildes des Musikclips sowohl den Songtext, als auch die Musik durch jene Analysekriterien zugänglich zu machen, welche die jeweiligen Einzeldisziplinen in einer singulären Analyse als grundlegend vorsehen. Man denke hier z.B. nur an die Fülle stilistischer Figurationen in der Musik selbst, die in der Analyse eines Musikclips sowohl singulär, als auch in Relation zu Bild und Text aufgezeigt werden müssen. Den einzelnen Clip angemessen zu transkribieren und zu analysieren bedeutet somit auch, die Fallspezifik deutlich herauszustellen. Dazu bedarf es eines entsprechenden Analyseinstrumentariums, mit dem sich einerseits die verschiedenen Materialebenen in ihrer besonderen Beschaffenheit greifbar machen lassen, das andererseits aber zugleich auch eine sinnvoll vorstrukturierte Transkriptionsarbeit ermöglicht.

Bereits zu Beginn des Forschungsprojekts stellte sich heraus, dass spezialisierte Anwendungen wie z.B. AKIRA III, CatMovie 4 oder Cinemetrics keine Basis für die angestrebte integrierte Analyse von Musik(video)clips bieten können, da sich insbesondere die musikalischen Zusammenhänge nicht mit diesen Programmen darstellen lassen. Somit wurde klar, dass nur die eigenständige Entwicklung eines umfassenden aber zugleich präzisen und anwenderfreundlichen, d.h. auch für Nicht-WissenschaftlerInnen nutzbaren Programms eine Lösung bieten würde. In diesem Zusammenhang galt es von Anfang an, ein frei zugängliches Programm zu entwickeln, das außerdem eine Vernetzung der generierten Ergebnisse und einen darauf basierenden Austausch der Forschenden ermöglicht.

Das entwickelte Programm stellt nun einerseits die basalen Analysekategorien bereit, andererseits eröffnet es den Analysierenden die Möglichkeit, auf ein umfassendes Arsenal an Visualisierungskonzepten zurückzugreifen. Als Grundkonzept wurde dementsprechend die schematische Darstellung aller identifizierbaren Phänomene eines Musikclips durch ein frei editierbares Pattern-System gewählt, wodurch eine detailgetreue Visualisierung der einzelnen Ebenen Bild, Text und Ton garantiert werden kann. In einem Verzeichnis finden sich für jede der Ebenen methodisch fundierte Analysekategorien, die in Untermenüs ebenfalls frei editiert und mit (Noten-)Text versehen werden können. Dabei liegt das Augenmerk des entwickelten Programms auf jeweils grundlegenden Unterteilungen der einzelnen Ebenen, um das breite Spektrum an intermedialen Bezügen in Musikclips zugänglich zu machen. Die Bildebene lässt sich folglich unter anderem nach Elementen der Kategorien ‚Dargestelltes’ (z.B. Person, Figur, Setting, Bewegung) und ‚Darstellendes’ (z.B. Einstellungsgröße und -perspektive) transkribieren, die Textebene kann beispielsweise hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zum Musikstück in ‚Vokalphrase’ und ‚songfremde Vokalphrase’ differenziert werden, und auch die relevanten Kategorien der Musikebene (z.B. Stimme, Rhythmus, Melodie, Formteil usw.) sind ebenso als songfremde Klänge analysierbar. Eine Tool-Box stellt weitere Schreib- und Zeichenwerkzeuge zur Verfügung, mit denen beispielsweise intermediale Strukturen und Kohärenzen auf einer übergeordneten Transkriptionsebene gekennzeichnet werden können. Durch die Möglichkeit der Integration von Screen Shots des Musikclips und Notationen des Musikstücks können die jeweiligen Einzelebenen detailliert dargestellt werden. In einer übergeordneten Funktion können zu dem exkursive Informationen zum Clip (Genre, Oeuvre, Bedeutungsfelder) notiert, sowie freie Notizen in einem Memo-Feld angelegt werden.

Letztlich wird auf diese Art und Weise eine gegenstandsangemessene visualisierte Transkription des komplexen audiovisuellen Gebildes Musikclip garantiert, in der von einem groben Ersteindruck, über eine Fokussierung einzelner Ebenen, bis hin zu einer detaillierten Betrachtung einzelner Phänomene alle Möglichkeiten gegeben sind. Durch diese Visualisierungsmöglichkeit des Programms werden die medialen Kommunikationsstrategien (siehe Call for Papers) hinsichtlich ihrer spezifischen Beschaffenheit respektive ihrer potentiellen Wirkung zugänglich gemacht.

Aufgrund der erläuterten Konzeption des Programms, lassen sich hiermit auch verwandte Medienangebote wie Werbeclips, Kurzfilme oder auch Filmausschnitte analysieren. Durch die Entwicklung des Analyseprogramms können audiovisuelle Zusammenhänge in gegenstandsangemessener und interdisziplinär fundierter Methode transkribiert, analysiert und für eine umfassende Interpretation aufbereitet werden.

Dem eingangs geäußerten Desiderat kann durch dieses notwendige computerbasierte Verfahren nicht nur nachgekommen werden, es ermöglicht zudem, die Qualität von Bild-Text-Ton-Analysen in beachtlicher Weise zu steigern. Der Kreis der potentiellen NutzerInnen dieses digitalen Analyseprogramms erweitert sich auf Grund der vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten von der Universität auf Gymnasien und Fachhochschulen und ermöglicht auch dort eine gezielte interdisziplinäre Annäherung an den Musikclip und andere intermediale/ -textuelle Musikangebote.

Im Rahmen des Vortrags wird die computergestützte Clipanalyse in konziser Form als methodologisches Desiderat hergeleitet. Darauf folgend werden das Design sowie die Funktionen des Analysetools präsentiert – letztere werden anhand eines Clipbeispiels demonstriert. Eine eingehende Materialanalyse muss aufgrund des knapp bemessenen Zeitrahmens an anderer Stelle erfolgen.


Literatur:

Jost, Christofer/ Klug, Daniel (2009): Integrierte Bild-Text-Ton-Analyse. Am Beispiel des Musikclips Californication. In: Jost, Christofer/ Neumann-Braun Klaus;/ Klug, Daniel/ Schmidt, Axel (Hg.): Die Bedeutung populärer Musik in audiovisuellen Formaten. Baden-Baden: Nomos, S.197-242.

Jost, Christofer/ Neumann-Braun, Klaus/ Schmidt, Axel (2010): Bild-Text-Ton-Analysen intermedial – am Beispiel von Musik(video)clips. In: Deppermann, Arnulf/ Linke, Angelika (Hg.): Sprache intermedial: Stimme und Schrift, Bild und Ton. Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2009. Berlin/ New York: de Gruyter, S. 469-492.

Keazor, Henry/ Wübbena, Thorsten (2007): Video thrills the radio star. Musikvideo: Geschichte, Themen, Analysen. 2. überarbeitete Auflage. Bielefeld: Transcript-Verlag.

Kerscher, Gottfried/ Richard, Birgit (2003): MoVie und MuVi. Zur Interpretation bewegter Bilder in Film und Musikvideoclip als Bildwissenschaft und ‚kritischer Stilanalyse’. In: Ehrenspeck, Yvonne/ Schäffer, Burkhard (Hg.): Film- und Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft. Ein Handbuch. Opladen: Leske + Budrich, S.203-223.